Rußland gegen Russenland. Russenland gegen Rußland


Prof. Dr. Pjotr Chomjakow


Foto: Sergej Kagyrin


Rußland gegen Russenland
Eine historische Untersuchung

Russenland gegen Rußland
Polemische Anmerkungen

Moskau 2006


Die Entlarvung des größten Geheimnisses der russischen Geschichte. Wer den Einfall Batys „bestellte und bezahlte“, wer davon profitierte, wer zu den Verlierern zählte. Helden entpuppen sich als Halunken. Doch die russische Geschichte wurde nicht nur von Lakaien und komplexbehafteten Sadisten geschrieben. Der Widerstand hat niemals aufgehört. Und nun besitzt das Russenland endlich die Chance, das Rußland aufgezwungene Joch der Horde abzuschütteln.


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INHALTSVERZEICHNIS:

Einleitung

Teil I. RUSSLAND GEGEN RUSSENLAND

Vorwort zum ersten Teil

Kapitel 1.   METHODOLOGISCHE BETRACHTUNGEN

1. Traktat, Essay, historischer Detektivroman. Einige Worte zum Genre, und nicht nur zu ihm.
2. Die Geschichte, mit den Augen eines Naturwissenschaftlers, Ingenieurs, Propagandisten und Polittechnologen gesehen. Die Historiker – Ermittler oder Kulturologen.
3. Die Methodologie des gesunden Menschenverstandes. Eine Lektion in christlicher Demut für die Erschaffer einer neuen Chronologie.
4. Die angeborenen Defekte der Staaten und Imperien. Eine knappe Darlegung.
5. Der Bischof ist wichtiger als der General. Das Primat gewaltloser Herrschaftsmethoden.

Kapitel 2.  DAS GRÖSSTE GEHEIMNIS

1. Das Tatarenjoch oder die Inventarisierung einer plumpen Geschichtsfälschung
2. Falsche Schlußfolgerungen aus richtigen Voraussetzungen. Ein historischer Kriminalroman oder „Bravo Buschkow!“ Unbeantwortete Fragen.
3. Wer war eigentlich das Mordopfer? Vom Russenland zu Rußland.
4. Wer gewann, wer profitierte?
5. Kommentar eines Analytikers

Kapitel 3.  DER GROSSE BÜRGERKRIEG

1. Die Beschreibung der wissenschaftlich-technischen Revolution. Die ethnopolitische Situation zu Beginn der Aktion. Schluß mit der Verleumdung der Tataren! Vom angeblich asiatischen Charakter der Russen.
2. Der Faktor Eisen. Ein russischer Ruhm, der keiner Übertreibung bedarf.
3. Beschreibung des Kriegsschauplatzes. Die geopolitische Situation bis zum Beginn der Aktion. Wald und Steppe
4. Zivilisation, Religion, Politik. Die internationale Konstellation um Rußland herum.
5. War das Russenland eigentlich orthodox? Nochmals zu den Organisatoren der Invasion.
6. Plan und Verlauf des Feldzugs. Erklärung der ersten Merkwürdigkeiten.
7. Endspiel. Der Feldzug im Westen. Der Kampf gegen das Papsttum für die Interessen der Orthodoxie
8. Eine Bilanz. Baty und Newski, Simeon und Iwan der Schreckliche. Die Wichtigkeit der moralischen Aspekte. Das „nicht-tatarische“ Joch. Das Karakorum der Nomenklatura.

Kapitel 4.  FORTSETZUNG

1. Die Pannen häufen sich. Der Augenblick des Durchbruchs. Khan Usbek. Das soziale Geheimnis des Islams.
2. Der Norden gegen den Süden. Die Rätsel der Schlacht auf dem Schnepfenfeld.
3. Von Dmitri Donski bis Iwan dem Schrecklichen und weiter
4. Jaroslaw und Newski. Ein Porträt der Organisatoren des Jochs.
5. Die endlose bleierne Zeit. Die Reaktionen des Westens – begreiflich, aber falsch.
6. Noch ein Mythos
7. Kommentar des Analytikers. Wer die Geschichte verfälscht hat. Byzantinismus und Volksherrschaft in der Terminologie der Theorie der Regierungslenkung.

Kapitel 5. ZUSAMMENFASSUNGEN, PROGNOSEN, PROVISORISCHE EMPFEHLUNGEN

1. „Die Dinge beim Namen nennen.“ Nochmals einige Worte zu den besiegten Siegern.
2. Was wir verloren haben und weshalb Rußland tatsächlich nicht Amerika ist.
3. „Pack schlägt sich und verträgt sich.“ Kommentar zu einem vieldiskutierten Thema.
4. Der Wahrheit ins Gesicht blicken. „Wer leben will, wer fröhlich ist, wer kein Waschlappen ist...“

Teil II.  RUSSENLAND GEGEN RUSSLAND

1. „Wer allein auf dem Feld steht, ist kein Krieger“. Zur Wichtigkeit der Frage.
2. „Für unsere und eure Freiheit.“ Von Bolotnikow bis Alpatow und noch weiter.
3. Der dreifache Zombie
4. Eine außerordentlich wichtige Anmerkung

Kapitel 2.  DIE PERSPEKTIVEN DES RUSSISCHEN WIDERSTANDES GEGEN DAS JOCH DER HORDE

1. Ein Fernsehabend oder Betrachtungen zu den globalen Problemen
2. Das Gesetz Paretos für das politische Marketing
3. 2012
4. Unorthodoxe Methoden und unorthodoxe Schlußfolgerungen
5. „Das Projekt Kostunica.“ Ein wichtiges Detail.

NACHWORT

Postscriptum für einen unbekannten Gönner

BIOGRAPHIE

ANMERKUNGEN

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Einleitung

Verehrte Leser! Das Buch Rußland gegen Russenland entstand im Jahre 2004 und war in gewisser Hinsicht eine Frucht der Kampagne für die damaligen Parlamentswahlen, bei denen der Verfasser im 188. Wahlkreis für einen Sitz in der Duma kandidierte. Diese in der unterhaltsamen Form eines historischen Kriminalromans verfaßte geschichtliche Untersuchung ermöglichte es dem Leser, sich mit den grundlegenden Zügen unserer Weltanschauung vertraut zu machen – der Weltanschauung eines Mannes, der seit 1979 in der Russischen Bewegung aktiv ist und sich immer wieder darüber gewundert hat, daß ein großer Teil der sogenannten „russischen Nationalisten“ ehrfürchtig zu gewissen „Helden“ der Vergangenheit aufblickt, deren Wirken zu einer argen Dezimierung des russischen Volkes und zu seiner verstärkten Unterdrückung durch seine Herrscher geführt hat. Er hat sich wiederholt darüber gewundert, warum die russischen Nationalisten einige dieser Unterdrücker als Feinde ihres Volkes einstufen, während sie anderen gegenüber wohlwollende Nachsicht an den Tag legen – und zwar just jenen, für die das einfache Volk selbst kaum mehr Liebe empfindet als für diejenigen, welche für die Nationalisten ein rotes Tuch darstellen. Zu guter Letzt hat er sich auch darüber gewundert, daß so viele „Führer“, die ohne die Hilfe der Nationalisten nicht zu solchen geworden wären, uns schamlos verraten.

Hinter all dem schien sich ein schicksalhaftes Geheimnis zu verbergen. Ein Geheimnis, dessen Wurzeln durchaus nicht in den Intrigen der Gegenwart zu suchen sind, sondern in einer fernen Vergangenheit, als der russische Staat sowie das Weltbild des russischen Volkes entstanden. Letzteres ist allem Anschein nach in gewissen Punkten zutiefst unrichtig, treibt es uns doch dazu, immer und immer wieder dieselben Fehler zu begehen.

Wir verhehlen nicht, daß unsere Schlußfolgerungen auch für uns selbst unerwartet und für viele unserer Kampfgefährten sehr schmerzhaft waren. Doch auch dem Arzt, der eine Diagnose stellt, geht es vor allem um deren Richtigkeit und weniger um die Besorgnis, die sie beim Patienten hervorrufen mag. Will dieser geheilt werden, muß er nämlich die Wahrheit kennen und, gestützt auf deren Erkenntnis, dem Arzt mit ganzer Kraft bei der Überwindung der Krankheit helfen.

Die Wahlkampagne ist natürlich längst vorbei, und bei ihrem Ausgang hat das vorliegende Buch kaum eine Rolle gespielt. Doch dann erwarb Rußland gegen Russenland ein Eigendasein und wurde bei den Lesern zum gefragtesten unter meinen in der Serie Swarogow Kwadrat erschienenen Werken. Schon aus diesem Grund kommt dem in ihm behandelten Thema in unserem Denken auch weiterhin ein zentraler Stellenwert zu.

In den beiden vergangenen Jahren hat der Verfasser aus verschiedenen Quellen eine Unmenge von Informationen geschöpft, die fast alle unsere Schlußfolgerungen bezüglich des sogenannten „Tatarenjochs“ sowie der „Invasion Batys“ erhärten.

Es erschien uns zweckmäßig, unser Buch mit diesen neuen Daten zu vervollständigen, um so mehr, als das Thema – dem Leserinteresse nach zu urteilen – viele Menschen in seinen Bann zieht. Aus diesem Grund entschieden wir uns dafür, eine zweite, erweiterte und korrigierte Auflage herauszugeben. Doch bei der Überarbeitung des Textes gelangten wir zum Schluß, daß es mit einer verbesserten Neuauflage von Rußland gegen Russenland nicht getan war: Allzu zahlreich waren die Fragen, die diese Schrift offen ließ, und auch ein mehr oder weniger langes Nachwort reichte zu ihrer Beantwortung nicht aus.

Nachdem wir der Frage auf den Grund gegangen waren, wie sich das russische politische Modell mit dem sogenannten „Einfall der Goldenen Horde“ und dem darauf folgenden sogenannten „Tatarenjoch“ herauskristallisiert hat, stand es uns nicht frei, uns mit ein paar flüchtig hingeworfenen Bemerkungen über die Überwindung dieses Jochs zu begnügen. Wie der Leser noch sehen wird, war es nämlich in keiner Weise tatarisch, und überwunden ist es bis zum heutigen Tage nicht. Deshalb müssen wir jenen unter unseren Lesern, welche die Ansichten des Autors teilen, eine positive Perspektive eröffnen. Eben dies tun wir im zweiten Teil des vorliegenden Werks.

Erstens zeigen wir unseren Gesinnungsgenossen, daß wir nicht allein stehen. Wir hatten heroische Vorgänger, die für die Wiedergeburt des Russenlandes fochten und das unmenschliche, volksfeindliche, antirussische Joch bekämpften. Dieser Kampf dauert seit Beginn der russischen Geschichte an; er hat seine Helden und seine Traditionen.

Wenn wir dieses Joch abzuschütteln trachten, heißt dies somit durchaus nicht, daß wir vergessen, woher wir kommen und welchem Geschlecht wir angehören. Nur haben wir, um es bildlich auszudrücken, nicht dieselben Ahnen und Verwandten wie jene, die uns unter dieses Joch gezwungen haben. Zweitens weisen wir den Weg zum Sieg über die „Horde“ (die, wiederholen wir es, nichts Tatarisches an sich hat).

Zum Abschluß dieses Vorworts wollen wir unsere treuen Leser noch darauf aufmerksam machen, daß bereits der erste Teil des Buchs, das sie in den Händen halten, Rußland gegen Russenland, im Vergleich zu der gleichnamigen Schrift aus dem Jahre 2004 erheblich erweitert und verbessert worden ist. Unsere Schlußfolgerungen fußen nun auf noch soliderer Grundlage, und unser Urteil über gewisse Phänomene fällt noch dezidierter als damals aus. Deshalb hoffen wir, daß bereits der erste Teil der vorliegenden Neufassung auch für jene von Interesse sein wird, welche die erste Ausgabe von Rußland gegen Russenland bereits gelesen haben.


Teil I

RUSSLAND GEGEN RUSSENLAND

Die Enthüllung des größten Geheimnisses
Die Entlarvung des zentralen Mythos
Die Demaskierung der größten Schurkerei der russischen Geschichte.
Oder
Warum ist Rußland eigentlich nicht Amerika?


Vorwort zum ersten Teil

Verehrte Leser, liebe Landsleute! Ich stelle Ihnen ohne Umschweife folgende Frage: Gefällt Ihnen Ihr heutiges Leben? Ich fürchte, mich nicht zu irren, wenn ich Ihre Antwort vorwegnehme. Nein, es gefällt Ihnen nicht. In keiner Weise. Um so zu antworten, braucht man kein Obdachloser und kein Invalider zu sein; man braucht keine Verwandten verloren zu haben oder von einem vergleichbaren Unglück heimgesucht worden zu sein. Um steten Abscheu vor der Realität unseres heutigen Lebens zu empfinden, braucht man kein Opfer irgendwelcher außergewöhnlich widrigen Umstände zu sein.

Und dies ist das Schlimmste. daß es dem Menschen „schlecht geht, wenn es ihm schlecht geht“, ist nichts weiter als natürlich. Heute geht es ihm schlecht, aber schon morgen wird es ihm gut gehen. Doch im  heutigen Rußland ist die überwältigende Mehrheit seiner Bürger sogar zu Zeiten, wo äußerlich gesehen alles normal verläuft, düster und pessimistisch gestimmt. Die Tragik unseres heutigen Lebens liegt darin, daß auch der am Rande des Existenzminimums dahinvegetierende Ingenieur, Lehrer und Arzt, ja sogar der scheinbar wohlhabende Geschäftsmann und gelegentlich selbst der Oligarch im russischen Hinterland Unzufriedenheit, Unsicherheit, Angst und Müdigkeit empfinden.

Der Verfasser hat persönlich viele recht erfolgreiche Mitbürger kennengelernt, die ihr Leben in schwärzesten Farben schilderten, und noch von weit mehr solchen Fällen gehört. Und stellen Sie sich das Leben des Milliardärs Chodorkowski vor... Nein, nicht in der Gefängniszelle, wo er heute hockt, sondern vielleicht ein halbes Jahr vor seiner Verhaftung, als im Grunde genommen schon alles klar war.

Wenn aber selbst Milliardäre (darunter solche, die sich ihrer Freiheit erfreuen) bei uns unglücklich sein können, wie muß es da erst um jene Dorfschullehrer bestellt sein, die monatelang ihr Gehalt nicht bekommen? Oder um die Arbeiter in der Provinz, die sich täglich zwölf Stunden lang abrackern und dafür einen Lohn erhalten, der gerade ausreicht, um nicht zu verhungern?

„Halt, halt“, wird da der eine oder andere Leser erbost ausrufen. „Will der Verfasser etwa behaupten, heute sei alles schlecht, aber früher sei es gut gewesen?“

Um Himmels willen nein! Der Verfasser erinnert sich mit Schaudern an das vielstündige Schlangenstehen, die leeren Regale in den Geschäften, die Kälte und den Gestank der großen Gemüsemärkte, die abscheulichen Wohnheime und die anderen Herrlichkeiten des „entwickelten Sozialismus“. Und vor allem an die Aussichtslosigkeit und Trostlosigkeit, welche damals dieselbe war wie heute.

Doch nicht nur wir und unsere Väter haben so gelebt. Wenn wir die großen Werke der russischen Literatur lesen, finden wir dort lauter „Gedemütigte und Beleidigte“ und außer diesen vielleicht noch „überflüssige Menschen“ aus den höheren Kreisen, denen weder ihr Reichtum noch ihre Zugehörigkeit zum Adel Freude bescheren. Nach selbstbewußten, freudigen Helden, Kämpfern, Suchern und Siegern, von denen die westliche Literatur nur so strotzt, hält man bei unseren Dichtern und Schriftstellen vergebens Ausschau. Man findet sie weder im „goldenen“ noch im „silbernen“ Zeitalter unserer Literatur.

Nein, meine Landsleute, es hilft nichts, um den heißen Brei herumzureden: Wir müssen uns der Frage stellen, weshalb wir von Generation zu Generation so trostlos und so elend leben, wer unser Land mit einem Fluch belegt und wem wir für diese

Segnungen zu danken haben. Nur wenn wir diese Fragen beantworten, können wir wenigstens begreifen, in welcher Richtung wir uns bewegen müssen, um uns aus diesem Jammertal zu befreien.

Wenn wir über all dies nachdenken, müssen wir uns freilich vor der Versuchung hüten, einfache Antworten zu suchen. Allzu sehr glich  das Leben unserer Großväter und Väter dem unseren, trotz der ungeheueren Unterschiede zwischen der zaristischen, der bolschewistischen und der heutigen „liberalen“ Herrschaft über unser Land. Es heißt also tiefer schürfen. Bedeutend tiefer.

Dies brauchen übrigens nur jene zu tun, denen die hier zur Sprache gebrachten Probleme ans Herz gehen. Vielleicht sind Sie, mein Leser, ein Mitarbeiter der Regierung im Kreml oder der Staatlichen Aufsichtsbehörde für Sicherheit im Straßenverkehr. Dann ist für Sie „alles in Butter“, und Sie haben es nicht nötig, sich von irgendeinem Professörchen die Laune verderben zu lassen - besonders wenn dieses Professörchen dazu noch Russe ist...

In einem bekannten Trickfilm sagt eine der Hauptfiguren: „Haiti, Tahiti... Man füttert uns auch hier nicht schlecht.“ Recht hat er, dieser Kater. Seinesgleichen füttert man hier in der Tat nicht schlecht, schon seit etlichen Jahrhunderten.

Und für uns, russische Ingenieure, ist es an der Zeit, uns entsprechende Aufgabe zu stellen, und, nachdem wir sie uns gestellt haben, zu lösen. „Wir müssen das asiatische Element ein und für alle Male aus unserem Leben verbannen!“, ereifert sich ein scharfsinniger Leser, den der Verfasser für seinen Gesinnungsgenossen hielt. Nein, mein  Freund, hier sind Sie gründlich auf dem Holzweg! Beleidigen Sie Asien nicht, indem sie ihm die Schuld an den trostlosen Zuständen in Rußland in die Schuhe schieben. Viele machen Asien für alles und jenes verantwortlich, was in unserem Land schief läuft, doch dies entspricht nicht der Realität.

„Was, es entspricht nicht der Realität? Wir begreifen nicht, worauf der Verfasser hinauswill. Sind die ganzen Übelstände, die er anprangert, denn nicht die Folge des berüchtigten Tatarenjochs? Haben uns die hassenswerten mongolischen Eroberer etwa nicht um zwei Jahrhunderte zurückgeworfen – jene zwei Jahrhunderte, die wir einfach nicht aufholen können, um normale Europäer zu werden?“

Ja und nein, lieber Leser. Die Mißstände, an denen unser Leben krankt, stammen tatsächlich ungefähr aus jener Zeit, welche die traditionelle Geschichtsschreibung als Epoche des Tatarenjochs bezeichnet, und sie hindern uns in der Tat daran, normale „weiße Menschen“ zu werden. Doch ein „Joch“ gab es nicht, schon gar kein tatarisches.

Was ist damals dann wirklich geschehen?

Auf diese Frage versuchen wir im vorliegenden Buch eine Antwort zu finden. Wir garantieren, daß unsere Untersuchung der massivsten „Spezialoperation“ in der Geschichte Rußlands – einer Spezialoperation, die sogar den berühmt-berüchtigten „Großen Oktober“ in den Schatten stellt -, interessant, ja fesselnd sein wird.

Nehmen Sie sich aber bitte die Mühe, die unumgänglichen einleitenden Bemerkungen zu lesen, ohne die unsere Darlegung des Themas nicht voll verständlich sein wird.


Kapitel 1. METHODOLOGISCHE BETRACHTUNGEN


1. Traktat, Essay, historischer Detektivroman. Einige Worte zum Genre, und nicht nur zu ihm

Zu Beginn eines Buches lohnt es sich in der Regel, zu definieren, welchem Genre es angehört. Unsere Schrift ist kein wissenschaftliches Werk, obwohl sie sich gelegentlich auf wissenschaftliche Quellen stützt. Es beginnt als Traktat, fährt als historischer Kriminalroman fort und endet als politische Kampfschrift.

Das Genre des Traktats hat unserer Auffassung nach am treffendsten L. N. Gumilew definiert. Bisweilen spricht man statt von einem Traktat auch von einem Essay; ich vermag keinen besonderen Unterschied zwischen den beiden Ausdrücken zu erkennen.

Die Besonderheit dieses Genres liegt seinem freien Umgang mit den im Traktat bzw. Essay verwendeten Informationen. Diese sind zum größten Teil Gemeinwissen eines jeden gebildeten Menschen; nur eine Minderheit davon ist lediglich Spezialisten bekannt, aber auch in diesen Fällen sind die Fakten meist unbestritten.

Wenn der Verfasser eines Traktats oder Essays zu neuen Schlußfolgerungen gelangt, dann nicht aufgrund neuer und vielleicht sogar explosiver Informationen, sondern weil er die betreffenden Probleme von einem neuen Standpunkt aus betrachtet und zahlreiche Querverbindungen zu anderen Fächern zieht.

In diesem Genre haben viele originelle russische Denker fruchtbar gewirkt. Wir haben bereits auf L. N. Gumilew hingewiesen, der in den späten siebziger Jahren sowie in der ersten Hälfte der achtziger Jahre geradezu richtungsweisend für die intellektuelle Mode und das Moskauer Leserpublikum war. Der bekannte Begründer der slawophilen Strömung, A. S. Chomjakow, formulierte die grundlegenden Postulate seiner Denkrichtung im Traktat Semiramis.

Diese Methode ist ihrem Wesen nach streng wissenschaftlich, doch ohne Pedanterie und akademischen Formalismus, um so mehr, als letzterer in wissenschaftlich-publizistischen und erst recht in weltanschaulichen Schriften überflüssig ist.

In dieser Situation kann der Autor nichts weiter tun, als auf das Vertrauen seiner Leser zu hoffen, denn auch ein emotionaler und parteilicher Autor braucht nicht zu Fälschungen und Verzerrungen Zuflucht zu nehmen, um die Richtigkeit seiner Ideen zu beweisen.

Übrigens hat der Verzicht auf akademischen Formalismus viele unserer Vorläufer, die dem Genre des Traktats huldigten, nicht daran gehindert, interessant, fesselnd, unterhaltsam und wissenschaftlich zugleich zu schreiben.

Den einen oder anderen Leser mag hier vielleicht die Furcht packen,   etwas „Philosophisches“ gekauft zu haben. Nein, lieber Leser, dem ist nicht so. Eine weltanschauliche Grundlage besitzt unsere Studie gewiß, doch beschränkt sich unser Buch nicht auf deren Darlegung. Unser Traktat – oder Essay – geht bereits im zweiten Kapitel ins Genre des historischen Kriminalromans über und endet mit polemischen Anmerkungen, so wie es bei politisierten Internet-Websites der Fall ist.

Bei den Websites ist alles ohne zusätzliche Erläuterungen klar. Ein historischer Kriminalroman erinnert an Fernsehsendungen wie Sowerschenno Sekretno [Streng geheim] oder Moment Istiny [Augenblick der Wahrheit], befaßt sich jedoch im Gegensatz zu diesen mit den Geschehnissen einer fernen Vergangenheit. Im Genre des historischen Kriminalromans kann man beispielsweise Fragen wie die folgende stellen: Wer hat das Gemetzel der Bartholomäusnacht begonnen - vielleicht die Hugenotten selbst? Es liegt ja ein streng geheimer Bericht über entsprechende Pläne von ihrer Seite vor, von denen die Katholiken erst im letzten Augenblick erfuhren.

Und so weiter, und so fort. Starke Ähnlichkeit mit unserem Genre weisen die Bücher des wohlbekannten Viktor Suworow auf. Freilich wirkt Herr Suworow allzu voreingenommen. Immerhin stellt er die offizielle Version gewisser Ereignisse in Frage, die sich in einer noch nicht allzu fern zurückliegenden Vergangenheit abgespielt haben. Je tiefer man in die Vergangenheit zurückgeht, desto unvoreingenommener kann man sein.

Und doch: Auch die Geschichte verflossener Jahrhunderte kann recht aktuell sein, wenn man sie durch eine neue Brille liest...

Schließen wir unsere Einleitung mit einer letzten Bemerkung ab. Das vorliegende Werk beruht in erheblichem Grad auf methodologischen und weltanschaulichen Grundsätzen, die man als global bezeichnen kann und die in unserem anno 2003 erschienenen Buch Die Eigenen und die Fremden. Das Drama der Ideen eingehend dargelegt werden. Wer dieses Buch schon gelesen hat, kann das erste Kapitel auslassen. Der Verfasser kam jedoch nicht umhin, gewisse Punkte jener früheren Schrift hier teils in gebündelter Form, teils fast wortwörtlich zu wiederholen, da sie zur Analyse der größten Intrige der russischen Geschichte notwendig sind.


2. Die Geschichte, mit den Augen eines Naturwissenschaftlers, Ingenieurs, Propagandisten und Polittechnologen gesehen. Die Historiker – Ermittler oder Kulturologen

Ohne jeden Zweifel war der Große Vaterländische Krieg das zentrale Ereignis in der Geschichte der UdSSR und Rußlands im 20. Jahrhundert. Wer diesen Krieg nicht begreift, dem bleibt das Verständnis unserer ganzen jüngeren Geschichte versagt.  

Die Frage, ob die Russen von 1941 bis 1945 tatsächlich gegen die Deutschen gekämpft haben, mutet geradezu aberwitzig an. Nichtsdestoweniger ist laut soziologischen Umfragen ein erheblicher der heutigen Amerikaner davon überzeugt, daß die UdSSR im Zweiten Weltkrieg Seite an Seite mit dem nationalsozialistischen Deutschland gegen die USA und Großbritannien kämpfte. Diese abstruse Vorstellung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern entstammt gewissen Erzeugnissen der populären Literatur (freilich handelt es sich dabei ausschließlich um Boulevardblätter). Würde man die Geschichte des Zweiten Weltkriegs anhand dieser Boulevardzeitschriften rekonstruieren, könnte man letzten Endes also zum Schluß kommen, daß die Russen gemeinsam mit den Deutschen gegen die Amerikaner fochten.

Übrigens wird in gewissen dem Thema des Zweiten Weltkriegs gewidmeten russischen Phantasiegeschichten dasselbe behauptet; wir denken etwa an die höchst populären Romanen Sturmvogel und Alye krylja ognja [Die roten Flügel des Feuers], die reißenden Absatz gefunden haben. Ein Historiker, dem diese Druckerzeugnisse in tausend Jahren in die Hände geraten, wird sie vielleicht in guten Treuen für objektive historische Schilderungen halten. Und was, wenn der Inhalt dieser Schilderungen noch durch die eben erwähnten amerikanischen Dreigroschenromane und Boulevardblätter erhärtet wird? Dann sind die in den russischen Publikationen aufgestellten Behauptungen ja „durch unabhängige ausländische Quellen bestätigt“! Außerdem wird eine Analyse des Papiers sowie der Phototechnik ergeben, daß diese amerikanischen Boulevardromane einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, also zu einem Zeitpunkt, wo manche Teilnehmer an diesem Krieg noch am Leben waren. Unter diesen Umständen wird eine plumpe Fälschung ausgeschlossen scheinen.

Führen wir unser Gedankenexperiment weiter. In tausend Jahren wird es den Historikern vielleicht schwerfallen zu unterscheiden, was ein seriöses geschichtliches Dokument und was ein Dreigroschenroman ist. Ist das Hohelied Salomons eine Liebesgeschichte, oder Bestandteil einer Sammlung historischer Zeugnisse, die man als Bibel bezeichnet, oder – halten wir einen Augenblick inne – gar eine Sammlung außerordentlich geschickt zusammengestellten ideologischen Propagandamaterials? Von unseren Historikern eine klare Antwort auf diese Frage zu erhalten, ist recht schwierig.

Doch kehren wir zu unserem Thema zurück. Der Große Vaterländische Krieg war ein absolut epochales Ereignis, und wir haben die Möglichkeit, daß künftige Historiker dieses möglicherweise vollkommen falsch deuten werden, lediglich zu Demonstrationszwecken in Betracht gezogen. Wie aber stehen die Dinge, wenn es um vergleichsweise nebensächliche Fragen geht, etwa die, wie oft man Basajew, Chattab, Barajew senior und Barajew junior während des gegenwärtigen Tschetschenienkrieges „getötet“ oder ihnen Arme und Beine abgehauen hat? Vergleicht man sämtliche in den offiziellen russischen Medien erschienenen Berichte, so kann man diese Frage natürlich korrekt beantworten: Chattab und Barajew sind tatsächlich tot, und Basajew hat ein Bein verloren und war zumindest zum Zeitpunkt, wo ich das vorliegende Buch schrieb, noch am Leben. Doch hält man sich sämtliche Gerüchte vor Augen, die im Verlauf der Jahre über diese Leute verbreitet wurden, so macht es den Anschein, als hätten sie alle bedeutend mehr als jeweils zwei Arme und Beine und auch mehr als nur ein Leben gehabt.

Sind die Legenden von den „unsterblichen“ Helden und Bösewichtern des Altertums etwa nicht genau so entstanden? Wir brauchen übrigens nicht einmal ins Altertum zurückzugehen: Ein halbes Jahrhundert lang hat man regelmäßig die Frage aufgeworfen, ob Bormann noch am Leben sei, und noch heute zweifeln viele daran, daß Hitler im Jahre 1945 starb.

Und warum immer nur von Krieg und Tod sprechen? Wenden wir uns einem weniger blutigen Thema zu. Seit sechs Jahren versucht man vergeblich zu ermitteln, wohin die 4,8 Milliarden Dollar verschwunden sind, die Rußland vor dem Währungskollaps vom Internationalen Währungsfonds erhalten hat. Und dies, obgleich alle finanziellen Operationen heutzutage von Computern registriert werden, jeder größere Kauf dokumentiert, jede Tätigkeit einer Finanzgruppe von deren Konkurrenten mit Argusaugen überwacht  und das kleinste Informationsleck von den gedruckten und elektronischen Medien im Nu ausgenutzt wird!

Diese ausführlichen Darlegungen sind unerläßlich, damit sich der Leser nicht nur verstandesmäßig-abstrakt, sondern auch gefühlsmäßig bewußt wird, in welchem Umfang die öffentlich zugänglichen Informationsquellen die Fakten verzerren. Und dies unter Umständen, wo die Sammlung, Bewahrung, Kontrolle und Verarbeitung von Informationen zu einer recht eigentlichen Industrie geworden ist. Solchen Verzerrungen sind auch taufrische Informationen unterworfen und nicht nur „Schnee von gestern“.

Wie ist es nun um den Wahrheitsgehalt der von den Historikern gelieferten Informationen bestellt? Hier geht es um Ereignisse, die zu ihrer Zeit von höchster Bedeutung waren. Anzunehmen, diese Informationen seien von den damaligen Chronisten objektiv festgehalten worden, wäre der Gipfel der Naivität. Es liegt auf der Hand, daß es auch in der historischen Vergangenheit Desinformations- und Propagandakampagnen gab und schon damals ein „Informationskrieg“ tobte, nur eben auf niedrigerem technischeren Niveau als heute. Die Behauptung, Informationskriege habe es damals schon darum nicht geben können, weil es in jenen Zeiten keine Zeitungen und kein Fernsehen gab, wäre ungefähr so sinnvoll wie diejenige, es habe keine Kriege geben können, weil den verfeindeten Lagern noch keine Luftwaffe zur Verfügung stand. Die Möglichkeiten zur Entstellung und Fälschung der Tatsachen waren in verflossenen Zeiten noch bedeutend größer als heutzutage. Informationen wurden damals noch nicht massenhaft verbreitet wie in unseren Tagen. Sie wurden fixiert, ohne daß ihr Wahrheitsgehalt überprüft worden wäre, und dazu noch auf Material, das – um es in unserer heutigen Sprache zu sagen – dem Einwirken schädigender Faktoren gegenüber höchst verletzlich war. Wieviele Manuskripte, von denen es nur ein einziges Exemplar gab, sind bei Feuersbrünsten vernichtet worden!

Warum sollen wir den in den einschlägigen „historischen Dokumenten“ aufgestellten, vorsätzlich tendenziösen Behauptungen Glauben schenken, wenn die Originale meist verloren gegangen sind und wir lediglich über Kopien verfügen, die erst Jahrhunderte nach den (hypothetischen) Originalen entstanden sind? Warum sollen wir einer Kopie von Povest' vremennych let [Chronik der laufenden Ereignisse, Nesterchronik]  glauben und nicht einer im Weles Buch enthaltenen? Um jeden Zweifel auszuräumen, hält der Verfasser gleich fest, daß er weder der einen noch der anderen Quelle vertraut, obwohl er beide mit Interesse gelesen hat und beide einen Kern an Wahrheit enthalten.

Anhand eines einfachen Beispiels läßt sich veranschaulichen, daß das Vorhandensein einer Quelle an sich noch gar nichts beweist und letzten Endes alles davon abhängt, ob man „glaubt oder nicht“. In der Bibel steht geschrieben, Christus habe sehr viel später als Moses gelebt, während es im Koran heißt, er sei der Neffe und somit ein jüngerer Zeitgenosse von Moses gewesen.

Gegenwärtig sind opportunistische russische Gelehrte bereit, die biblischen Texte als historische Zeugnisse anzuerkennen. Dies ist jedoch nichts weiter als eine politische Modeerscheinung, die zu einer Zeit entstand, wo die ehemaligen Kommunisten in den hastig wiederaufgebauten Kirchen plötzlich mit Kerzen in den Händen vor die Fernsehkameras traten. Und ihre ideologischen Steigbügelhalter aus dem Kreis der „Geisteswissenschaftler“ entbieten ihnen dabei ihren Salut – obwohl dieselben Geisteswissenschaftler noch vor nicht allzu langer Zeit die Bibel als historische Quelle in Bausch und Bogen verwarfen. Doch letzten Endes läuft trotzdem alles auf die Frage nach dem Glauben hinaus. Für die Christen ist Jesus ein entfernter Nachkomme Mose, für die Moslems sein Neffe und jüngerer Zeitgenosse. Wenn letztere Version zutrifft, hat Christus übrigens das Recht, sich nicht nur im übertragenen, sondern auch im direkten Sinne des Wortes „König“ zu nennen.

Übrigens: Gibt es nicht noch eine weitere Möglichkeit, nämlich die, daß sowohl die Bibel als auch der Koran nichts weiter als Romane im Stil des Sturmvogels oder der Roten Flügel des Feuers sind, in denen Geschehnisse geschildert werden, welche sich niemals zugetragen haben? Und daß all diesen Schriften lediglich Motive tatsächlich geschehener Lebens- und Geschichtsdramen zugrunde liegen? daß ihr Wahrheitsgehalt nicht größer ist als derjenigen der Behauptung, wonach „Deutsche und Russen während des Zweiten Weltkriegs Schulter an Schulter gegen die Amerikaner und die russischen Reformatoren [!!!] gekämpft haben“ (so wörtlich im Sturmvogel)? Warum auch nicht.

Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts sind alternative Deutungen der Geschichte bei uns groß in Mode. Der Grund dafür liegt nicht, wie viele wähnen, in neuen astronomischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Informationskrieg, den die UdSSR seinerzeit führte, bedurfte einer soliden naturwissenschaftlichen Abstützung. Gewisse Arten der Verfälschung von Information konnte man anhand einer mathematischen Auslegung verschiedener Texte vornehmen. Mehr als fünfzehn Jahre lang haben sich zahlreiche Kollektive von Spezialisten mit dergleichen Dingen befaßt. Nach so langer, intensiver Auseinandersetzung mit dieser Problematik mußten sich diese Spezialisten zwangsläufig die Frage stellen, worin sich die Desinformationskampagnen der Neuzeit von ihren Vorgängerinnen unterscheiden. Und da man heute tendenziöse Lügen in den Massenmedien – aber auch in offiziellen Dokumenten und gezielten „Lecks“ – erfolgreich entlarven kann, warum sollte man dasselbe dann nicht auch mit historischen Dokumenten versuchen?

Möglicherweise war dies anfangs bloß ein Spiel, eine Art Gedankengymnastik, die man betrieb, wenn man bei der Lösung aktueller Aufgaben eine Pause einlegte. Doch dann begann man Vergnügen an diesem Spiel zu finden. Um so mehr, als die primitiven mittelalterlichen Fälscher es scheinbar ganz und gar nicht verstanden hatten, ihre Fälschungen so zu „verbergen“, wie dies heute möglich – und, nebenbei gesagt, für angehende Spezialisten ganz natürlich – ist. Es mußten viele Jahrhunderte vergehen, ehe der Informationskrieg seine heutige Brillanz und Raffinesse erreichen konnte.

So gelangte eine Gruppe von Mathematikern unter der Führung des Akademikers A. T. Fomenko, die sich bei der Analyse historischer Texte äußerst effektiver und erfolgreicher Methoden bediente, zum Ergebnis, das die meisten davon Fälschungen sind. Wir gehen hier nicht näher auf dieses Thema ein, sondern begnügen uns vorerst mit dem Hinweis darauf, daß sich in den uns überlieferten historischen „Dokumenten“ unwiderlegbare Beweise für die Realität von „Informationskriegen“ finden.

Dazu kommt, daß ein Teil der vorhandenen Informationen im Verlauf der Zeit unvermeidlicherweise verloren gegangen und in noch tendenziöserer Form „wiederhergestellt“ worden ist. Dies ist nicht verwunderlich. „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“ ist eine schon seit langem bekannte Wahrheit.

Das erwähne Mathematikerkollektiv bemühte sich, seine Schlußfolgerungen mit Daten aus anderen Wissenschaften zu untermauern, und erkannte dabei, daß verschiedene Autoren die offizielle Geschichte schon seit vielen Jahren in Frage gestellt hatten. Gestützt auf mathematische und astronomische Argumente, hat schon der große Newton die landläufige Geschichtsversion und insbesondere die offizielle Chronologie angezweifelt.

Der russische Enzyklopädist N. A. Morosow hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewisse Revisionen am vorherrschenden Geschichtsbild vorgenommen, wobei er sich auf geologische, geographische, astronomische und linguistische Daten berief.

In der Gegenwart bezweifeln oder bestreiten Demographen, Geographen, Ökologen, Mediziner und Militärwissenschaftler, daß sich gewisse Ereignisse so zugetragen haben können, wie gemeinhin behauptet wird. Sie weisen beispielsweise nach, daß die in den „Dokumenten“ genannten Zahlen von Verteidigern dieser oder jener Festungen in diesen überhaupt keinen Platz gefunden hätten; daß die angeblichen Verluste des Gegners bei dieser oder jener Schlacht größer waren als die Gesamtzahl der Einwohner der betreffenden Fürstentümer; daß die berittenen Horden ihre Pferde nicht hätten ernähren können und sich die Reiter mit der Geschwindigkeit von Automobilen hätten fortbewegen müssen, wenn die offizielle Geschichtsversion zuträfe. <…> Suworow soll in Ismail beispielsweise dreimal mehr Feinde vernichtet haben, als man dort hätte unterbringen können, selbst wenn sie im Hof dichtgedrängt nebeneinander gestanden hätten. <…>

In diesem Zusammenhang wollen wir darauf hinweisen, daß gewisse Ungereimtheiten bei der Beurteilung historischer Ereignisse sowie die (in der Regel nicht akzeptierte) Kritik daran überhaupt im Wesen der Dinge liegen. Solche Ungereimtheiten gibt es in der offiziellen Geschichte zu Hauf. Hier einige unwiderlegliche Beispiele:

1) Die Datierungen zwar nicht aller, doch sehr vieler bekannter geschichtlicher Ereignisse der Zeit bis zum 10. Jahrhundert lassen sich mit den astronomischen Berechnungen nicht unter einen Hut bringen. Paradoxerweise haben die Widersprüche zwischen der Datierung aller bis zum 10. Jahrhundert bekannten Sonnenfinsternisse und den Gesetzen der Himmelsmechanik die Astronomen zur Auffassung bewogen, vom 8. bis zum 10. Jahrhundert habe der Mond aus unerklärlichen Gründen seine Beschleunigung geändert. Es ist dies eine völlig bizarre Hypothese. Weit vernünftiger wäre die Annahme, daß die entsprechenden Datierungen in den alten Manuskripten nicht stimmen.

2) Wir verfügen über kein einziges Original „alter“ Manuskripte. Alle sogenannten „alten“ Dokumente und Bücher sind lediglich aus (oft bereits gedruckten) Kopien bekannt, die in keinem Fall früher als im 14. Jahrhundert entstanden sind. Es wäre reichlich naiv, davon auszugehen, daß sich die mittelalterlichen Teilnehmer an „Propaganda- und Informationskriegen“ bei der Erstellung dieser Urkunden von reiner Wahrheitsliebe leiten ließen.

3) Zahlreiche Forschungen unterschiedlichen Charakters, sowohl nach anspruchsvollen mathematischen Methoden vorgenommene als auch elementare Analysen von Abschriften verschiedener angeblich „unabhängig voneinander entstandener“ Texte, lassen nur eine Schlußfolgerung zu: Bei der gesamten sogenannten „alten Geschichte“ handelt es sich um die viele Male aus ein und derselben Quelle (oder aus einer begrenzten Zahl von Quellen) abgeschriebe Darstellung ein und derselben Ereignisse. Wann und wo dies geschehen ist, weiß allein Gott. Das hier Gesagte gilt übrigens auch für die biblische Geschichte.

4) Die in Werken über die alte Geschichte genannten Ziffern, die Distanzen, welche die Armeen zurücklegten, die Zahl der Kämpfer, das Ausmaß der Schlachten und der Umfang der Verluste sind in der Regel um das Zehn- bis Hundertfache, manchmal gar um das Tausendfache übertrieben.

5) Ein erheblicher, wenn nicht der größere Teil der historischen Rekonstruktionen der staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Altertum hält nicht einmal den elementarsten  Berechnungen des ökologisch und ökonomisch Möglichen stand. Viele dichtbesiedelte Reiche sollen auf einem Gebiet gelegen haben, das auch mit unseren heutigen technischen Mitteln keine große Bevölkerung ernähren könnte. Zentren der Metallurgie sollen sich an Orten befunden haben, wo es keine entsprechenden Erzvorkommen gibt und wo jeder Brennstoff zum Betreiben von Metallverarbeitungsstätten fehlt. Es wäre übrigens interessant zu wissen, welchen Brennstoff die Waffenschmiede der zahlreichen „Nomadenstaaten“ verwendet haben: Etwa getrockneten Mist oder Lumpen? Solche Ungereimtheiten finden sich in der historischen Geographie des Altertums auf Schritt und Tritt.

Würden sich die Verfasser nonkonformistischer Geschichtsauffassungen mit solchen Bemerkungen begnügen, so wären sie unangreifbar, und die traditionellen Historiker sähen sich früher oder später gezwungen, die nackten Fakten anzuerkennen; sie müßten bei ihrer Rekonstruktion der alten Geschichte von vorn beginnen und dabei den zeitgenössischen naturwissenschaftlichen, mathematischen und astronomischen Erkenntnissen Rechnung tragen. Doch sämtliche Kritiker der offiziellen Geschichtsschreibung sind der Versuchung erlegen, ein alternatives Konzept der Ereignisse zu entwerfen, ihre eigene „globale Chronologie“. Dabei zeigten sie sich höchst verwundbar, und sowohl die professionellen Historiker als auch die Naturwissenschaftler können ihre Schwächen weidlich ausschlachten. Es läßt sich nicht leugnen, daß sie oft angreifbarer sind als ihre Opponenten aus dem traditionalistischen Lager. Im folgenden werden wir noch mehrmals auf gewisse Absurditäten stoßen, welche die Verfechter einer alternativen Geschichtsdeutung in vollem Ernst von sich geben.

Hier ist freilich nicht der Ort, um diese Fehler und Ungereimtheiten, von denen die „alternative Geschichtsschreibung“ nur so wimmelt, näher zu untersuchen. Der Kuriosität halber sei nur erwähnt, daß verschiedene „alternative“ Autoren, gestützt auf ein und dieselben Fakten, zu vollkommen verschiedenen Schlüssen gelangen. So folgern  A. T. Fomenko und seine Anhänger, welche die Realität des „Tatarenjochs“ in Rußland bestreiten, die furchterregende „Horde“ sei der altrussische (slawisch-türkische) Staat selbst gewesen, der ungeheure Territorien sowie den ganzen Handel im Osten kontrolliert habe. Andere Verfasser wie S. Valjanski und D. Kaljuschin halten das Tatarenjoch ebenfalls für einen Mythos, behaupten jedoch, ein Joch habe es sehr wohl gegeben – kein tatarisches oder türkisches freilich, sondern eines der deutschen Kreuzritter, und die „Horde“ (russisch Orda) sei in Wahrheit der Orden der Kreuzritter gewesen. Den Kosaken-Hetman identifizieren sie schließlich mit einem deutschen Hauptmann. Wie man diesem Beispiel entnehmen kann, läßt die alternative Geschichtsschreibung Raum für die unterschiedlichsten Interpretationen.

Dies alles wirkt nicht sonderlich seriös. Doch auch die traditionelle, offizielle Version der alten Geschichte läßt sich mit den Mitteln der modernen exakten Wissenschaften und Naturwissenschaften aufs schwerste erschüttern.

Unter diesen Umständen kann die offizielle Version der Geschichte nur dann nur dann zumindest in groben Zügen bestätigt werden, wenn man sich ihr aus der Position eines stalinistischen Untersuchungsrichters nähert, der hinter allem und jedem eine Fälschung wittert. Gelingt es, die Beschuldigungen dieses „Untersuchungsrichters“ zu entkräften, kann man an der Geschichte der alten Welt die notwendigen Korrekturen vornehmen, ohne sie gleich von A bis Z neu schreiben zu müssen.

Der Verfasser hat hier nicht einfach eine Formulierung aus der Juristensprache übernommen. Die moderne Wissenschaft, die in der Neuzeit ihre Ausformung gefunden hat, betrachtet die wissenschaftliche Methodologie als „Befragung der Natur unter der Folter“. Dieser Geist prägt die äußerst strengen Gedankengänge Decartes’ und Bacons. Was diesem anspruchsvollen Kriterium nicht gerecht wird, gilt nicht als Wissenschaft. Ob diese Vorgehensweise gut oder schlecht ist, mag hier dahingestellt bleiben. Tatsache ist jedoch, daß dies das Wesen der modernen Wissenschaft ausmacht.

Vorläufig sind die Historiker nicht bereit, solche Maßstäbe an die Quellen anzulegen, denen sie „vertrauen“. Nun, das ist ihr gutes Recht. Doch dann ist es auch das gute Recht des Naturwissenschaftlers, die Deutung der alten Geschichte mit all ihren zahlreichen Varianten als einen einzigen großen Mythos zu betrachten – und die Historiker als Mythenforscher.

Mit diesen Feststellungen könnte man das vorliegende Kapitel eigentlich abschließen. Wir kommen jedoch nicht umhin, daran zu erinnern, daß sich die offizielle Geschichte nicht nur in Rußland, sondern auch jenseits unserer Landesgrenzen einer höchst ernsthaften Kritik ausgesetzt sieht. In diesem Zusammenhang ist Uwe Toppers Werk Die große Aktion. Die erfundene Geschichte Europas von besonderem Interesse. Hier zeigt es sich, daß in Westeuropa schon längst Forschungen im Gange sind, die darauf abzielen, die offizielle, verfälschte Version der Weltgeschichte zu entlarven. Das Interessanteste ist aber, daß diese Forschungen von offiziellen Historikern und Kultorologen durchgeführt werden. Mit den Methoden der Geisteswissenschaften gelangen sie de facto zu denselben Ergebnissen wie die Naturwissenschaftler und Mathematiker.

Und nicht genug damit: Manche westlichen Historiker hoffen ernsthaft, daß es ihnen in naher Zukunft gelingen wird, das offizielle Paradigma der Geschichtswissenschaft zu widerlegen. Deshalb, aus taktischen Erwägungen, machen sie sich die Erkenntnisse der russischen Naturwissenschaftler nur sehr vorsichtig und in kleinen Dosen zu eigen. Nicht weil letztere Russen, sondern weil sie Vertreter anderer Wissenschaftszweige sind.

Vom Standpunkt der reinen Wahrheitssuche aus gesehen mag diese Strategie nicht die beste sein, doch aus der Warte eines Wissenschaftlers, der innerhalb seiner eigenen Zunft Veränderungen durchsetzen will, hat sie durchaus Hand und Fuß. Die russischen Historiker, die zwischen den Hammer ihrer westlichen Kollegen und den Amboß der russischen Naturwissenschaftler geraten werden, sind freilich alles andere als beneidenswert, um es zurückhaltend auszudrücken. Doch das ist ihr Problem.

Mit Sicherheit konstatieren können wir vorderhand nur, daß mittlerweile genügend viele Argumente dafür sprechen, die scheinbar bekannten historischen Ereignisse vor dem 14. Jahrhundert mit kriminalistischen Maßstäben zu untersuchen und einzig und allein nachgewiesene Fakten zu akzeptieren. Alle Zeugen lügen nämlich. Warum, wissen wir vorderhand noch nicht. Ob sich unter ihnen vielleicht die Bösewichter dieser oder jener historischen Dramen verbergen?


3. Die Methodologie des gesunden Menschenverstandes. Eine Lektion in christlicher Demut für die Erschaffer einer neuen Chronologie

Bisweilen sind kleine Details und “unbewußte“ Legenden wichtiger als direkte Zeugnisse. Beispielsweise unterrichten in den Schulen Rußlands ein und dieselben Lehrer die miteinander eng verknüpften Fächer „russische Sprache und „Literatur“. In den Republiken der ehemaligen Sowjetunion wurden „Heimatsprache und Heimatliteratur“ gelehrt. Doch in Ungarn steht „ungarische Geschichte und Literatur“ als ein einheitliches Fach auf dem Stundenplan, und auch in einer ganzen Reihe anderer europäischer Sprachen bietet sich das Bild ähnlich dar.

Dies bedeutet, daß sich im Unterbewußtsein anderer Völker Geschichte und Literatur nicht allzu sehr voneinander unterscheiden. Die einen Mythen werden in Romanen und Gedichten neu erzählt, die anderen in pseudo-objektiven „historischen Quellen“.

Gleichzeitig zeigt die Praxis, daß auch der Mythos nicht einfach verworfen werden darf. Hinter ihm steht zweifellos etwas Reales, doch kann man mit ihm recht frei umspringen. Im Wagnerschen Stil heißt dies: „Sucht nicht das Geschichtliche in den Nibelungen, sucht die Nibelungen in der Geschichte.“ Paraphrasiert man diesen Ausspruch im Rahmen unseres Themas, könnte man sagen, daß wir nicht nach dem Realitätsgehalt der historischen Mythen suchen, sondern die am wahrscheinlichsten anmutenden reellen Fakten mit Hilfe der historischen Mythen veranschaulichen und dann mit wahrhaftig wissenschaftlicher Strenge eine entsprechende Rekonstruktion des tatsächlich Vorgefallenen vornehmen werden. Dabei werden wir lediglich die Reihenfolge der einzelnen Glieder in der Kette bestimmter Ereignisse sowie die Verbindungen zwischen diesen Gliedern rekonstruieren. Es sind dies Glieder, deren reale Existenz unstrittig ist und die aus objektiven geoökologischen, technologischen und demographischen Gründen unter keinen Umständen ausgelassen werden können. Doch gerade kraft der erwähnten objektiven Ursachen konnten diese Glieder (oder Episoden) nur in ganz bestimmten Territorien und in einer ganz bestimmten Reihenfolge Wirklichkeit werden.

In unserem Buch Die Eigenen und die Fremden gelang es uns, vor dem Hintergrund der  allgemeinsten Tendenzen jene objektiv bedingten Strömungen in der Entwicklung der Zivilisation sowie des Staates als Institution aufzuspüren, welche das Auftreten bestimmter Probleme und Perspektiven der weißen Menschheit sowie insbesondere des russischen Volkes bewirkt haben. Wir wollen jenes Buch hier nicht zusammenfassen, sondern begnügen uns mit der Bemerkung, daß bei äußerst breiter Behandlung der historischen Mythen, von der traditionellen Spielart bis hin zu den exotischsten alternativen Varianten, die historische Entwicklung in all diesen Versionen in gewissem Sinn ein und dasselbe Bild ergibt. Sie verlief vollkommen gesetzmäßig und logisch.

Eine Analogie veranschauliche dies: Die historische Entwicklung läßt sich mit einer komplizierten Marschroute vergleichen, die eine Anzahl kritischer Punkte wie z.B. Bergpässe oder Furten aufweist. Man kann erraten, wie der Weg zwischen diesen Punkten verlief, und verschiedene Varianten dieser „Marschroute“ rekonstruieren. Unzweifelhaft ist aber, daß bei der Bewegung „vom Punkt A zum Punkt B“ all diese Punkte durchschritten wurden, und zwar in einer ganz bestimmten Reihenfolge. Dabei spielten sich die interessantesten und dramatischsten Ereignisse nicht zwischen diesen Punkten, sondern an ihnen, „an den Pässen und Furten“, ab. – Diese Betrachtungsweise reicht allerdings nur aus, um den historischen Prozeß in seiner Gesamtheit zu erfassen; zur Rekonstruktion des Weges sowie zur Enthüllung der durchaus konkreten und realen, jedoch im Nebel verborgenen Intrigen reicht sie nicht aus. Sollen wir also „kapitulieren“ und uns einer bewährten Forschungsmethode zuwenden, der Analyse der Mythen sowie der Desinformationskampagnen vergangener politischer Schlachten?

Mitnichten! Dies würde einer kriminalistischen Untersuchung gleichen, die sich einzig und allein auf die Aussagen von Zeugen und Verdächtigen stützte und auf Sachbeweise, forensische und ballistische Expertisen,  Fingerabdrücke etc. verzichtete. Wie unsere jüngere Vergangenheit zeigt, kann man mittels solcher Untersuchungen zu jedem beliebigen Resultat gelangen – nur die Wahrheit ermitteln kann man damit nicht.

Während wir uns bei der Bestimmung der allgemeinen Richtungen des geschichtlichen Prozesses grundsätzlich naturwissenschaftlicher Forschungsmethoden bedienten, werden wir bei der Erforschung der großen Intrigen der Vergangenheit auf folgende Faktoren stützen:

1. Die bereits ermittelten Gesetzmäßigkeiten der politischen Entwicklung; von ihnen wird später die Rede sein.

2. Die innere Logik, die Pragmatik der politischen, kriegerischen und ökonomischen Maßnahmen. Entsprechend dieser Logik ist es beispielsweise ein Ding der Unmöglichkeit, in der kahlen Steppe eine hunderttausendköpfige Reiterarmee Hunderte von Kilometern in geschlossener Formation vorrücken zu lassen. Entweder löst sich eine solche Masse auf und zerfällt in zahllose, über viele Kilometer zerstreute Haufen, oder die Pferde der Vorhut fressen alles Gras ab und trinken sämtliche Brunnen leer, so daß die Pferde der nachrückenden Einheiten an Hunger und Durst eingehen. Vom Standpunkt der elementaren politischen Logik aus ist es beispielsweise ebenso unmöglich, daß der Papst durch die ihm unterstehenden Organisationen die Orthodoxie in Rußland stärkt, oder daß die Christen das Heidentum fördern, etc. - So merkwürdig es anmuten mag: Eine solche elementare Analyse macht den meisten historischen Mythen mit einem Schlage den Garaus – jenen der „alternativen Historiker“ ebenso wie jenen der Traditionalisten.

3. Manche politischen Prozesse der fernen Vergangenheit, über die wir nur verschwommen Bescheid wissen, lassen sich mit Hilfe einfacher Analogien zu Ereignissen aus einer weniger fernen Vergangenheit erklären und rekonstruieren. Dies trifft insbesondere auf die gegenseitige Beeinflussung von „Wald und Steppe“ im Russenland zu. Wenn Zweifel daran bestehen, wie diese Beziehungen in einer weit zurückliegenden Vergangenheit aussahen, empfiehlt es sich vielleicht, den Stand der Dinge ein oder zwei Jahrhunderte später zu untersuchen. Obwohl sich prinzipiell nichts geändert hatte, weder geopolitisch noch ethnopolitisch, sind wir über diese weniger fernen Perioden bedeutend besser unterrichtet.

Noch ein letzter Punkt. Wir werden uns bemühen, nicht in unnötigen Einzelheiten zu versinken. Man muß sich allgemein zugängliche Informationen zunutze machen können.  Vergleicht man unsere Forschung mit der naturwissenschaftlichen Methodologie, so läßt sich sagen, daß man „eine Graphik aus Punkten“ erstellen kann. Dennoch ist es besser, ganz einfach die Formel der entsprechenden Abhängigkeit zu kennen. Deshalb werden wir nicht auf eine Unzahl von Büchern verweisen, wie es unsere Kollegen von der Historikerzunft zu tun pflegen. Uns genügt bereits eine wesentlich geringere Menge von Informationen, um die Geschehnisse zu rekonstruieren. Um die Analogie zu einem Kriminalroman zu ziehen: Wenn eine zufällig in der Nähe installierte Videokamera das Geschehene klar und deutlich festgehalten hat, können wir uns die Befragung Hunderter von Zeugen sparen.

Übrigens: Alles Überflüssige ist ungesund. Deshalb werden wir auf unnötige Details verzichten, von denen leider nicht nur die Werke der ungeliebten Traditionalisten, sondern auch jene der „alternativen Historiker“ nur so strotzen. Dies ist auch der Grund dafür, daß wir nur dann auf alternative Geschichtsversionen und eine neue Chronologie zurückgreifen werden, wenn es wirklich nicht anders geht.

Gesagt sei noch folgendes: Bei der Erforschung der politischen Entwicklung Rußlands liegen bereits hinreichend viele kritische Schlußfolgerungen alternativer Historiker vor, die begründete Zweifel an der Ehrlichkeit und Unparteilichkeit der Chronisten und traditionalistischen Historiker erwecken.

Darin erschöpfen sich aber die Verdienste der alternativen Geschichtsforscher. Wir stehen den meisten von den alternativen Historikern und ihren Kollegen erstellten Chronologien höchst skeptisch gegenüber. Als Fachmann hat der Verfasser jedenfalls das Recht zu behaupten, daß sehr viele Gedankengänge der Historikergruppen um A. T. Fomenko, S. I. Valjanski, D. V. Kaljuschny etc. vom Standpunkt der Geoökonomik und Technologie aus keiner ernsthaften Kritik standhalten. Wir würden beispielsweise weit vorsichtiger über die Zugänglichkeit dieser oder jener Territorien während des Mittelalters sprechen. Damals bewegte man sich in den flachen Gebieten Rußlands nämlich hauptsächlich auf den Flüssen fort, im Sommer auf dem Wasser und im Winter auf dem Eis, und die Flüsse waren damals viel wasserreicher und tiefer als heute. Landwege und Landstrassen erfüllten zu jener Zeit lediglich eine Hilfsfunktion.

Der Mythos von einem Netz großartiger Strassen, das  während des Mittelalters in Rußland bestanden haben soll, ist übrigens ein Schwachpunkt der Legende vom Tatarenjoch und der Herrschaft der Goldenen Horde, die sich von einem Ozean zum anderen erstreckt haben soll. Wo sind denn diese Strassen, die angeblich zur Herrschaftszeit der Horde gebaut worden sein sollen? Es gibt sie schlicht und einfach nicht! Zum Vergleich: Die Strassen des Römischen Imperiums sind bis zum heutigen Tage erhalten.

Von diesen Überlegungen ausgehend, kann man sich ohne weiteres vorstellen, daß Nowgorod in der Tat sämtliche Voraussetzungen erfüllte, um zum bedeutenden Handelszentrum am Ufer eines großen, rege befahrenen Flusses zu werden und nicht zum „Krähwinkel zwischen Sümpfen“, wie A. T. Fomenko behauptet.

Nebenbei gesagt war das Vorhandensein von Sümpfen damals, in den ersten Phasen der Eisenverarbeitung, für die regionale Wirtschaft nicht etwa ein Minus, sondern ein dickes Plus. Die ersten Zentren der Eisenverarbeitung beruhten nämlich auf der Ausbeutung von Erzvorkommen in den Sümpfen. Aus diesem Grund konnte Ungarn kein Zentrum der frühen Eisenverarbeitung sein, wie S. I. Valjanski und D. V. Kaljuschny behaupten, denn dort gibt es überhaupt keine Sümpfe. Und das von A. T. Fomenko als „Krähwinkel“ geschmähte Nowgorod, das inmitten von Sümpfen stand, besaß in der Tat alle Voraussetzungen, um nicht nur ein Handels-, sondern auch ein mächtiges Industriezentrum des Mittelalters zu werden.

Und so weiter, und so fort. Der römische Papst, dem militärisch-geistliche Orden unterstanden, konnte die Eroberung Rußlands durch einen „Orden“, der dann gemeinsam mit dem deutschen Kaiser das Schwert gegen Rußland erhob, nicht zulassen. Darauf laufen die Theorien S. I. Valjanskis und D. V. Kaljuschnys, für die das Tatarenjoch oder Joch der Horde in Wirklichkeit ein Joch des Ordens war, nämlich hinaus.

Besonders abwegig erscheinen uns schließlich die philologischen Seiltänzerakte aller „alternativen Historiker“. Aufgrund klanglicher Ähnlichkeiten zwischen diesen und jenen Wörtern stellen sie Thesen auf, über die man nur betreten den Kopf schütteln kann. Ich will den Leser nicht mit einer Kritik dieser Konstrukte langweilen, denn von diesen gibt es bei den „alternativen Historikern“ nur allzu viele. Ich begnüge mich mit der Bemerkung, daß sie sie mich an die Auslassungen eines Teilnehmers an einer politischen Diskussionsrunde in Moskau erinnern, der mit Bierernst erklärte, die Tschetschenen stammten aus Zentralamerika, und zwar aus der berühmten alten Stadt Tschetschen Iza. Folglich seien die Tschetschenen Erben des Aztekenreichs... Andere Diskussionsteilnehmer konterten mit dem Hinweis, daß lediglich der erste Teil des Stadtnamens an die Tschetschenen erinnere. Es liege aber eine genaue Übereinstimmung vor, wehrte sich der Angegriffene,  und der zweite Teil des Namens sei möglicherweise im Lauf der Zeit entstellt worden. Überhaupt habe Tschetschen Iza in alter Zeit Tschetschen Jurt geheißen, und daß die Tschetschenen in Jurten wohnten, wisse doch jeder.

Eine systematische Kritik an den „alternativen Historikern“ gehört übrigens nicht zu den Aufgaben, die wir uns gestellt haben. In diesem Zusammenhang drängt sich unwillkürlich folgende Analogie auf: Jeder Wanderer und Naturfreund weiß, daß das Feuer eines Scheiterhaufens nicht etwa heller lodert, sondern im Gegenteil erlischt, wenn man allzu große Scheite auf ihn legt. Viele Theorien der „alternativen Historiker“ erinnern uns unwillkürlich an dieses Phänomen. In ihren Konstrukte findet sich jede Menge Überflüssiges und Fragwürdiges, was die Schlagkraft ihrer Argumente und ihrer Kritik an der traditionalistischen Geschichtsschreibung in den Augen von Naturwissenschaftlern, Polittechnologen und anderen logisch denkenden Menschen zwangsläufig schwächt.

So möchte man seinen Kollegen den Rat geben, bescheidener zu sein und sich in christlicher Demut zu üben – und dies, obwohl der Verfasser der Lehre der Kirche ablehnend gegenübersteht. Doch bisweilen erweist sich ein Gift als Heilmittel, wenn man es in kleinen Dosen einnimmt.

Entwickeln wir dieses Thema noch etwas weiter. Um gewisse besonders absurde historische Mythen zu widerlegen, die den meisten zeitgenössischen politischen Modellen zugrunde liegen, besteht überhaupt keine Notwendigkeit zur Konstruierung eines „alternativen Modells“, bei dem Namen, Fakten und Daten ausgetauscht werden. Es reicht völlig aus, diese Mythen Mythen zu nennen und sie als solche zu betrachten. Und sogar in der offiziellen, von vielen Generationen von Ideologen und Polittechnologen „gesäuberten“ Version der Geschichte, finden sich genügend viele Fakten, um zu ganz unerwarteten Schlußfolgerungen zu gelangen, die den traditionalistischen Historikern arges Bauchgrimmen bereiten müssen.

Es ist wie in einem Kriminalroman. Der Bösewicht bringt es einfach nicht fertig, alle Spuren seiner Missetat zu verwischen. Und die Politik war seit jeher ein gar schmutziges Gewerbe. Vom gewöhnlichen Verbrecher unterscheidet den Politiker lediglich das Ausmaß seiner Schurkentaten.

Deshalb bitten wir noch einmal, den Verfasser nicht zu den „alternativen Historikern“, „Zeithüpfern“ und ähnlichen Gestalten zu zählen. Zur Begründung unserer Schlußfolgerungen reichen die allgemein bekannten Interpretationen der Ereignisse des für das Russenland so kritischen 13. Jahrhunderts – und erst recht der folgenden Jahrhunderte – völlig aus. Dem sensationellen Charakter unserer Rekonstruktionen tut dies indessen keinen Abbruch.


4. Die angeborenen Defekte der Staaten und Imperien. Eine knappe Darlegung

Wir bitten die ungeduldigen unter unseren Lesern um Nachsicht: Unser historischer Kriminalroman beginnt hier noch nicht. Wir sehen uns genötigt, dieses Kapitel zu Ende zu führen, damit klar wird, welche Interessen die Teilnehmer am künftigen „Mord an Rußland“ verfolgen. Dazu müssen wir jedoch neben vielem anderen einige Züge des „Staatsaufbaus“ im allgemeinen etwas näher unter die Lupe nehmen.

Kaum jemand bestreitet, daß die ersten Staaten der Welt, jene Staaten, wo das Modell dieser Organisation der Gemeinschaft begründet wurde, in den Tälern großer Ströme lagen, die durch tropische Wüsten flossen.

In allen frühen Staaten des Altertums bildete eine auf dem Prinzip der Bewässerung fußende Landwirtschaft dabei den Eckpfeiler des Wirtschaftssystems. Diese Tatsache veranlaßte viele Forscher dazu, die ersten Staaten der Erde als „hydraulische“ politische Regime zu bezeichnen.

Diese „hydraulischen“ Regime gemahnen auffallend an eine Karikatur des Sozialismus: Dieselbe totale Verstaatlichung, totale Bürokratisierung, totale Entmündigung des Menschen. Ausführlicheres hierzu findet man übrigens bei Igor Schafarewitsch (Der Sozialismus als Erscheinung der Weltgeschichte, Moskau 2003).

Ein Vergleich der ersten Staaten der Welt mit den sozialistischen ist natürlich außerordentlich interessant, doch darum geht es hier nicht in erster Linie. Betrachten wir aber die systembildenden Prinzipien, die dem Aufbau dieser politischen und wirtschaftlichen Systeme zugrunde liegen, so zeigt sich, daß sie auf ein und demselben Prinzip beruhen. In diesen Staaten fehlt es an allem und jedem; im Überfluß vorhanden sind lediglich Menschen. Ein relativer Überschuß an Arbeitskräften bei allgemeinem Mangel an allen notwendigen Dingen bildete auch die Kulisse, vor der die ersten Staaten entstanden. In unserem Buch Die Eigenen und die Fremden haben wir neben vielem anderen aufgezeigt, daß sich die ersten Staaten unter den Bedingungen einer sich verschärfenden Ressourcenverknappung sowie einer ökologischen Krise, welche fast schon die Ausmaße einer Katastrophe annahm, gebildet haben. Dies ist übrigens der Grund dafür, daß ihr Entstehen mit ganz bestimmten ökologischen Bedingungen verbunden ist und sie regelmäßig in den Tälern großer Flüsse inmitten von Wüsten entstanden. Wir in unserem oben erwähnten Buch gezeigt haben, waren diese Wüsten von Menschenhand geschaffen worden.

Diese Staaten entstanden unter den Bedingungen einer auf begrenzten Fläche zusammengedrängten Bevölkerung, kolossalen Stresses und einer Aktivisierung von im wahrsten Sinne des Wortes kannibalischen Instinkten.

Deswegen ist der Staat als Regierungsorganisation vor allem unter den Bedingungen einer zahlenmäßig starken und auf engem Raum zusammengedrängten Bevölkerung von optimaler Effizienz. Er behandelt seine Bevölkerung mit äußerster Rücksichtslosigkeit und löst sämtliche Probleme mittels einer gnadenlosen Ausbeutung der menschlichen Ressourcen. Der klassische imperiale Staat ist infolgedessen stets kannibalischer Natur, und zwar besonders gegenüber seinen loyalsten Untertanen.

Von diesem Standpunkt aus bestehen tatsächlich frappierende Parallelen zwischen den Reichen der alten Ägypter, Assyrier, Babylonier und Inkas einerseits sowie der Sowjetunion während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und den als Reaktion auf die Massenarbeitslosigkeit (d.h. das Vorhandensein „überflüssiger“ Menschen) entstandenen faschistischen Regimen. Dies haben wir in Die Eigenen und die Fremden mit Zahlen und Fakten hieb- und stichfest nachgewiesen.

Eine solche Situation ist wohlverstanden nicht immer vorhanden. Es tauchen neue Technologien auf, welche die Nutzung neuer Ressourcen ermöglichen. Das Verhältnis zwischen Menschen und Ressourcen ändert sich; nun fehlt es an Menschen. Diese durch mörderische Arbeit zu verheizen, wie es im alten Ägypten oder in der UdSSR der Stalinzeit der Fall war, wäre kontraproduktiv. Unter diesen Umständen verwischen sich die Grenzen zwischen den klassischen Staatsformen. Das sozialistische Imperium wandelt sich zu einer geschmeidigeren Form der gesellschaftlichen Organisation. Die Macht der Bürokratie schrumpft.

Gerade aus diesem Grund ist die imperiale Bürokratie niemals an einer Entwicklung der Gesellschaft interessiert, sondern hemmt diese stets auf alle erdenkliche Art und Weise und erstrebt eine Konservierung der bestehenden Verhältnisse an, unter denen es weniger Ressourcen als Menschen gibt. Dieser Prozeß ist komplex und facettenreich, verläuft jedoch im Prinzip immer nach demselben Strickmuster. Wer sich für diese Interpretation interessiert und ihre Einzelheiten kennenlernen möchte, der greife zu Die Eigenen und die Fremden. Um dieses Buch zusammenzufassen – und sei es auch nur in gedrängter Form –, fehlt uns hier die Zeit.

Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft würde schlicht und einfach stagnieren, gäbe es keine Konkurrenz zwischen den Staaten und bestünden keine Herde der zivilisierten Entwicklung. Glücklicherweise gibt es aber sowohl eine Konkurrenz zwischen den Staaten als auch ein zivilisatorisches Schaffen beim Prozeß der natürlichen Entwicklung der Produktion. Imperien werden schwach, die Allmacht der Bürokratie stößt an ihre Grenzen. Und die modernen Staaten werden ihrem klassischen Modell ebenso unähnlich wie ein wohlerzogener Rassehund einem rasenden Wolf.

Aber – und dies ist sehr wichtig – das imperiale Staatsmodell packt jede Gelegenheit beim Schopf, verlorenes Terrain zurückzuerobern, sich zu behaupten, sich auf Kosten anderer Staatsformen zu erweitern, etc. Dabei leben imperiale Überreste in jedem bürokratischen System weiter. Wie eine unterdrückte chronische Infektion schwelen sie im gesellschaftlichen Organismus weiter. Diese Infektion ist nicht klinischer Art, kann jedoch in ungünstigen Situationen jäh wieder ausbrechen.

Die Bürokratie selbst nutzt dabei jede Gelegenheit, solche Situationen heraufzubeschwören, unter anderem durch den Entwurf expansionistischer Projekte. Dieser Fortbestand überalterter Strukturen, dieser Versuch, sich auf neuen Territorien festzusetzen, die Lebensfähigkeit des imperialen Modells auf dem Buckel neuer Sklaven zu bewahren, bringt den Menschen, die Opfer eines solchen Prozesses werden, nichts als Unglück und Leid. Diese Menschen zwingt man mit Gewalt und Betrug, unter den Bedingungen sozialen und demographischen Drucks zu leben, wie er im alten Ägypten oder in Assyrien herrschte, indem man solche Bedingungen künstlich heranzüchtet. Und all dies um der Interessen der bürokratischen Oberschicht und eines Klüngels vaterlandsloser Degeneraten willen, die es in jeder Gesellschaft - auch in einer verhältnismäßig humanen – gibt.

All dies ermöglicht eine gewichtige Schlußfolgerung. In einer Krisensituation gibt es stets zwei Wege: Entweder man schreitet vorwärts und überwindet die Krise mittels Entwicklung und Evolution, durch eine grundlegende Lösung der Probleme. Oder aber man schreitet zurück, indem man zu einem „imperial-sozialistischen“ Gesellschaftsmodell zurückkehrt, das in Krisenzeiten ja durchaus lebensfähig sein mag, jedoch strategisch gesehen keine Perspektiven aufweist und zwangsläufig neue Krisen gebären muß. In diesem System beruhen alle Lösungsversuche auf einer mitleidlosen Ausbeutung der Menschen.


5. Der Bischof ist wichtiger als der General. Das Primat gewaltloser Herrschaftsmethoden

Zahlreiche Erforscher der Gesellschaftsstruktur messen der Gewalt als grundlegendem Mechanismus bei der Staatsbildung große Bedeutung bei. Sie tun dies mit Fug und Recht, denn in seiner Anfangsphase kristallisierte sich der Staat als rein gewaltsame, kannibalische Struktur heraus.

Doch damit, daß sich der Staat herauskristallisiert, ist es nicht getan – er muß, nachdem er feste Konturen gewonnen hat, auch bewahrt werden. Hier erweist sich nackte Gewalt als kontraproduktiv, ganz abgesehen davon, daß nur selten Bedingungen vorlegen, die einer offenen, rohen Gewaltherrschaft Vorschub leisten. Ein Beispiel dafür bot das Niltal, das von allen Seiten von Wüsten, vom Meer sowie von Wäldern, in denen schwarze Menschenfresser hausten, umgeben war und somit ein ideales, von der Natur geschaffenes Konzentrationslager war. Solche Orte gibt es auf Erden glücklicherweise nicht mehr allzu viele.

Viele Forscher, welche die historische Realität systematisch rekonstruieren, haben sich gefragt, ob sich das Niltal-Modell nicht – wenn auch in abgeschwächter Form - auf andere Weltteile ausgebreitet und zum Entstehen einer auf Sklavenarbeit basierenden Wirtschaftsstruktur geführt habe. Wie dem auch sei, jedenfalls entstanden fast alle landwirtschaftlichen Zivilisationen und Staaten unter Verhältnissen, die denen in Ägypten glichen, nämlich in  den Tälern tropischer Ströme, die durch Wüsten und Halbwüsten flossen. Doch später griffen auch sie auf die angrenzenden Gebiete über.

Was hinderte die Menschen denn daran, dem „von der Natur geschaffenen Konzentrationslager“ den Rücken zu kehren! Warum sollten beispielsweise hundert Männer mit Hacken, d.h. Stöcken mit Metallspitzen, einem Sklaventreiber gehorchen, der einen Speer trug, also auch nicht mehr als einen Stock mit einer Metallspitze! Seine Metallspitze mochte ja schärfer und der Stock länger sein, aber er stand allein gegen hundert Sklaven.

 Es ist dies eine extrem vereinfachte und extrem zugespitzte Darstellung der Ausgangslage. Betrachtet man sie jedoch genauer, so erweist sich, daß in höher entwickelten Gesellschaften mit vielschichtigeren Problemen nicht der Aufseher, sondern der Sklave am längeren Hebel saß.

Doch die Sklaven flüchten nicht. Genauer gesagt, es flüchten schon welche, aber weitaus weniger, als dazu in der Lage wären.

Als in den letzten Jahrzehnten Forschungen über die mathematische Modellierung der Lenkung großer Systeme erschienen, ergaben diese geradezu sensationelle Resultate. Hier ein Fallbeispiel. Auf der Strasse flüchtet ein Krimineller, dem ein Polizist auf den Fersen ist.

Variante Nummer eins: Die Passanten helfen dem Polizisten.

Variante Nummer zwei: Die Passanten mischen sich nicht ein.

Variante Nummer drei: Die Passanten behindern den Polizisten.

Wie viele Polizisten braucht es in jeder der drei Situationen, um den Kriminellen bei ansonsten gleicher Ausgangslage zu erwischen? Es erwies sich, daß es in der zweiten Situation ungefähr zehnmal mehr Polizisten braucht als in der ersten und in der dritten ca. zehnmal mehr als in der zweiten oder hundertmal mehr als in der ersten.

Seltsamerweise empören sich viele unserer Landsleute darüber, daß die Menschen in den Vereinigten Staaten in ihrer großen Mehrheit ihrer Polizei helfen. Gewiß, Spitzel mag man in Rußland nicht. Aber mag man bei uns etwa Polizisten?

Nun denn, in New York gab es zu Beginn der achtziger Jahre etwas über 30.000 Polizisten, während Moskau mit seiner um einiges geringeren Einwohnerzahl zur selben Zeit 200.000 Milizionäre zählte, also, gemessen an der Bevölkerungszahl, zehnmal mehr.

Im heutigen Moskau hat die Zahl der Gesetzeshüter im Vergleich zur Sowjetzeit stark zugenommen. Doch die Einstellung der Bevölkerung gegenüber den „Bullen“ hat sich seither drastisch verschlechtert, und die Effizienz der Miliz nähert sich dem Nullpunkt – genau wie man es den vorausgeschickten theoretischen Darlegungen nach erwarten müßte. Die Untersuchungen haben nämlich ergeben, daß es ab einem bestimmten Ausmaß an Feindseligkeit der Bevölkerung gegenüber den Ordnungshütern prinzipiell nicht mehr möglich ist, die Kriminalität zu bekämpfen. Die Aufdeckung eines Verbrechens ist dann lediglich dem Zufall zu verdanken. Und Versuche zur zahlenmäßigen Verstärkung der Polizei sind nichts weiter als ein Herumkurieren an Symptomen. Dieser Zustand ist im heutigen Rußland übrigens bereits erreicht; das Thema verdient eine ausführlichere Behandlung.

Dieses Beispiel stellt lediglich eine – und noch nicht einmal die wichtigste – Veranschaulichung der Tatsache dar, daß man einen Staat nicht mit roher Gewalt allein lenken kann, auch wenn der Staat auf den ersten Blick vor allem als Gewalttäter in Erscheinung tritt.

In der Populationsbiologie existiert ein Gesetz, wonach der wildeste und tüchtigste Räuber, der virulenteste und lebhafteste Mikroorganismus sowie der fruchtbarste und giftigste Parasit auf Dauer nicht überleben. Sie alle vernichten nämlich die Population ihrer Opfer und gehen dann selbst zugrunde – an Hunger.

Der Staat war ursprünglich ein Kannibale und nichts anderes. In manchen Fällen blieb er dies auch später; dieses Phänomen findet sich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Doch wäre der Staat immer und überall nur Kannibale geblieben, wäre er über kurz oder lang eingegangen, so wie eine tödliche Pest erlischt, wenn sie alle Lebewesen in ihrer Reichweite dahingerafft hat.

All diese Probleme hat als erster Antonio Gramsci in seinen bekannten Heften aus dem Gefängnis, in denen er seine „Theorie der Hegemonie“ darlegte, des eingehenden erörtert. Gramsci zufolge kann der Staat nicht über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen, wenn er von der Mehrzahl seiner Untertanen abgelehnt wird.

Dazu ist es durchaus nicht nötig, „auf die Barrikaden zu gehen“. Es reicht völlig aus, wenn man diesem Staat einfach die Unterstützung entzieht und ihn als Unglück betrachtet oder, um auf unser Beispiel zurückzukommen, dem Polizisten, der dem flüchtigen Gauner auf den Fersen ist, wie unabsichtlich ein Bein stellt. Eine solche massenhafte Ablehnung des Staates, eine solche massenhafte Weigerung, ihn zu unterstützen, zeigt schon recht bald Auswirkungen. Aktive Feinde hat jedes Regime in genügend großer Zahl, um ihn zu stürzen, wenn er schwankt. Wir denken hier nicht bloß an personifizierte Feinde. Es gibt auch natürlich bedingte Herausforderungen und zufällige Häufungen bestimmter Umstände, die den Staat noch nicht auf die Probe stellen würden, träten sie für sich allein auf.

Somit ist der Staat lebensfähig, solange ihn die Mehrzahl seiner Bevölkerung zumindest passiv unterstützt. Sich die Unterstützung dieser Mehrheit zu sichern wird für den Staat mit der Zeit weitaus wichtiger als plumpe Gewalt. Die gewaltlose Sicherung der Unterstützung durch die Bevölkerungsmehrheit wird zur Hauptaufgabe der Machthaber, und die Gewalt richtet sich fortan nicht mehr gegen alle, sondern lediglich gegen zum Opfer auserkorene Stände und Gruppen.

Die moderne Welt bietet dem Staat eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Erlangung dieser Unterstützung. Diese Möglichkeiten wurden im Prozeß der politischen Praxis auf empirische Weise ermittelt oder auf Geheiß der Machthaber zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten zielstrebig geschaffen. Doch dieser Prozeß, die Suche nach angemessenen, sich nicht auf rohe Gewalt beschränkenden Führungstechniken ist schon seit langer Zeit im Gange. In Die Seinen und die Fremden gehen wir ausführlich auf dieses Thema ein.

Radikal vereinfacht ausgedrückt lassen sich all diese Ziele und Aufgaben einer nicht gewaltbetonten Politik auf zwei allgemeine Prinzipien zurückführen:

Erstens: Die Massen betören.

Zweitens: Die Spitze enger zusammenschweißen.

Die Betörung erfolgte auf zwei Wegen. Der erste davon besteht bis zum heutigen Tage. Es ist dies die klassische Religion, die Staatsreligion. Sie fußt auf der Einimpfung der Idee von einem mächtigen Gott, oder von mächtigen Göttern. Doch das Wichtigste bei einer Staatsreligion ist es, die Herde davon zu überzeugen, daß Gott – oder die Götter – auf der Seite der Herrschenden stehen.

Das historische Gedächtnis hat im allgemeinen recht späte Varianten der Verwirklichung dieser Aufgabe fixiert. Es sind dies die vorgetäuschten Überzeugungen und das spezifische „religiöse Theater“ der Gottesdienste. Im Altertum war dieses Theater bedeutend vielseitiger und ging mit einer weitaus größeren Anzahl von Wundern Hand in Hand, von denen viele nichts als simple Taschenspielertricks waren. (Wir machen den Leser übrigens darauf aufmerksam, daß in vielen europäischen Sprachen die Wörter für „Kirche“ und „Zirkus“ auf dieselbe Wurzel zurückgehen.)

Ursprünglich, im reinen Terrorstaat, war das „religiöse Theater“ meist abschreckender Art. „Sondereffekte“ wurden dabei mit echten Opferakten erzielt. Diese Entwicklungsstufe der Religion fanden die Spanier im präkolumbianischen Amerika vor.

Weisen wir darauf hin, daß das Gesellschaftssystem der auf einer bewässerten Landwirtschaft fußenden Zivilisationen sowie der entsprechenden Imperien des präkolumbianischen Amerika in vielen Punkten eine starke Ähnlichkeit mit dem Ersten Imperium aufwiesen (diesen Begriff verwenden wir für die schließlich in einem einzigen Staat vereinigten „hydraulischen“ Regime des Östlichen Mittelmeers; im folgenden werden wir diesen Ausdruck für alle imperialen Staatsbildungen dieser Region benutzen, wo die Rolle der Metropole der Reihe nach Ägypten, Assyrien, Babylon und Byzanz zufiel). Deshalb kann man annehmen, daß auch die Regierungsformen dort ähnlich waren, und deshalb waren auch die Religionen dieser Zivilisationen ähnlich und trugen größtenteils einschüchternden Charakter.

Doch das Erste Imperium brachte diese Periode hinter sich, die amerikanischen Imperien nicht, obwohl gewisse Tendenzen auf eine solche Entwicklung hindeuteten. Wie und warum dies alles so verlief, ist eine andere Frage. Sie ist zwar sehr interessant, doch würde ihre Behandlung den Rahmen der vorliegenden Untersuchung sprengen.

Begnügen wir uns mit der Feststellung, daß die Religionen der von Cortez und Pizarro zertrümmerten Staaten uns eine Vorstellung von der ursprünglichen Religion des Ersten Imperiums vermitteln. Viele Forscher empfinden Verwunderung über die architektonische Ähnlichkeit zwischen den religiösen Bauten Ägyptens und denjenigen des Azteken- und des Inkareichs. Und hier argwöhnen manche sogleich, hier hätten die Außerirdischen Geburtshelferdienste geleistet. Doch lassen wir diese garstigen Kobolde hier aus dem Spiel: Die Erklärung des Rätsels liegt einfach darin, daß technische Konstruktionen, die ein und denselben Zwecken dienen, einander gewöhnlich sehr ähnlich sind, mögen sie auch von verschiedenen Ingenieuren stammen; Bauwerke machen hier keine Ausnahme.

Übrigens brauchen wir uns nicht lange bei den Ingenieuren aufzuhalten. In der Biologie kennt man den Begriff der konvergenten Evolution. Von einer solchen spricht man, wenn vollkommen verschiedene Arten einander infolge einer idealen Anpassung an ein und dieselben Umweltbedingungen einander morphologisch (also ihrer Form nach) auffallend gleichen.

Unter diesen Umständen ist es ganz natürlich, daß die auf Furcht beruhenden Religionen jener Imperien, deren Grundlage eine bewässerte Landwirtschaft war, ähnliche religiöse Bauten errichteten. Allein schon die sehr spezifischen und ähnlichen äußeren Bedingungen gaben den Anstoß zu deren Aufkommen. Manche Forscher weisen noch heutzutage darauf hin, daß gewisse Gebäude der alten Kulte eine unerklärliche Furcht einflössen. Ja, die Sondereffekt-Lieferanten der kannibalischen Imperien verstanden ihr Handwerk!

Doch diese Etappe in der Entwicklung der Religion des Ersten Imperiums ist nicht die interessanteste. Solange die Religion auf Furcht basierte, erfüllte sie lediglich eine Hilfsfunktion bei der Unterstützung des staatlichen Terrorapparates. Das Erste Imperium ging infolge endloser und unfruchtbarer Kriege und Feldzüge – also einer Form von Terror gegen äußere Feinde – langsam zugrunde, nachdem es nicht nur die unteren, sondern auch die oberen Schichten seiner Gesellschaft in Furcht und Schrecken versetzt hatte.

Unterstreichen wir nochmals, daß ein solches staatliches System bedrohlich instabil ist. Den Beweis dafür lieferten Cortez und Pizarro. Es ist doch merkwürdig, daß 200 Conquistadoren 200.000 Azteken besiegen konnten. Ein paar Pferde und Musketen (deren Laden mehrere Minuten in Anspruch nahm) reichten bestimmt nicht aus, um den Sieg zu erringen. Dieser wurde erst dadurch möglich, daß sich 300.000 Aufständische auf die Seite der Konquistadoren schlugen. Dieses Beispiel zeigt schlagend, wie gebrechlich ein nur auf Abschreckung beruhender Staat ist.

Das Erste Imperium hingegen fand genügend Kraft, um seine Strategie zu ändern. Damals wurde die Staatsreligion (im weitesten Sinne des Wortes) zur Grundlage des imperialen politischen Modells. Was aber änderte sich als Folge dieses Kurswechsels an der Religion selbst?

Eine höchst willige Rolle begannen nun narkotische Halluzinationen zu spielen. Gewisse extrasensuelle Methoden, Formen der Psychotechnik, im Rauschzustand erlebte Wahnvorstellungen – all dies schuf einen unerschütterlichen Glauben an die von der Staatsreligion suggerierten Ideen – einen Glauben, zu dessen Aufrechterhaltung es nicht mehr nötig war, den Opfern vor den Augen einer schreckerstarrten Menge bei lebendigem Leibe das Herz aus dem Leib zu reißen.

Der Verfasser hat gute Gründe dafür, auf die Funktion der Narkotika bei der Betörung des Volkes hinzuweisen, wird dieses Faktum doch in zahlreichen Quellen erwähnt. In einigen der apokryphen Evangelien kritisiert Christus die offizielle Religion und ruft – um es in unserer heutigen Sprache zu sagen – dazu auf, sich beim Gottesdienst des Alkohol- und Opiatengebrauchs zu enthalten. Er predigt auch Maßhalten beim Alkoholkonsum.

Diese Zeugnisse werden in den Werken N. A. Morosows angeführt.

Wenn die Angaben N. A. Morosows stimmen, wirft Christus hier eine zweifellos sehr wichtige Frage auf (überhaupt befaßte sich der Sohn Gottes niemals mit zweitrangigen Fragen). Der Konsum von Alkohol und Narkotika zugleich konnte leicht dazu führen, daß die Menge nicht nur verblödete, sondern ihr menschliches Aussehen vollkommen verlor und infolgedessen zugrunde ging. Nebenbei erwähnt hat auch Zoroaster die Notwendigkeit der Bekämpfung des „Somma“-Missbrauchs während des Gottesdienstes hervorgehoben. Unter Somma verstand man eine Mischung von Alkohol und leichten Opiaten, welche die Feueranbeter – zu denen Zoroaster zählte – während ihrer kultischen Handlungen einzunehmen pflegten. Es ist bezeichnend, daß sich die an Rauschmittel gewöhnte Menge regelrecht zu solchen Gottesdiensten drängte und empört reagierte, als man ihnen diese Narkotika verbot.

Dieses Problem machte freilich nicht nur den Feueranbetern zu schaffen. Wir erinnern daran, daß die blutigen Hussitenkriege im Europa des Mittelalters nicht zuletzt geführt wurden, um den Laien die Möglichkeit zu verschaffen, beim Abendmahl Wein zu sich zu nehmen. Die damaligen Bevölkerungsverluste Tschechiens, Süddeutschlands und Ungarns lassen sich prozentuell mit jenen während des Zweiten Weltkriegs vergleichen.

Daß den Gottesdiensten der Frühchristen regelmäßig Gastmähler in der Kirche selbst zu folgen pflegten, hat übrigens ein sehr moderater zeitgenössischer Kirchenhistoriker, A. Men, hervorgehoben. Nur in einem Punkt sind wir mit Pater Alexander nicht einverstanden. Es ist bedeutend wahrscheinlicher, daß diese Praxis nicht bei den Frühchristen selbst entstand, sondern daß diese sie von älteren  Formen des Gottesdienstes übernommen haben, die zur Zeit des Ersten Imperiums Brauch waren. Und das Erste Imperium umfaßte auch die Gebiete, in denen sich die in der Bibel geschilderten Ereignisse abgespielt haben.

Hier ist es nun an der Zeit, eine äußerst wichtige Bemerkung anzubringen. Wenn der Verfasser von der Religion des Ersten Imperiums spricht, denkt er dabei überhaupt nicht an das Christentum, das Judentum oder den Islam, ja nicht einmal an den Zoroastrismus.

Wir wissen nicht, wie wir diese Religion bezeichnen sollen. Doch indirekte Zeugnisse dafür, daß sie auf Blendwerk und Furcht beruhte, gibt es sehr wohl. Anhängern einer der heutigen Weltreligionen können wir lediglich sagen, daß gerade die Begründer und Propheten letzterer erbittert dagegen gekämpft haben, daß der Glaube an Gott – ein geheimer, zutiefst persönlicher Weg der Erkenntnis des Erhabenen – durch einen grobschlächtigen Betrug ersetzt wurde. Bei diesem Kampf sind denn auch die heutigen Weltreligionen entstanden.

Gegen diese Entwicklung stemmte sich in erster Linie Christus. Zeugnisse für seinen Kampf findet man in den kanonischen, vor allem aber in den apokryphen Evangelien. Auch Zoroaster bekämpfte solche Tendenzen, und viele Päpste des Zeitraums vom 7. bis zum 11. Jahrhunderts fochten denselben Strauss aus.

Doch religionswissenschaftliche Fragen sind nicht das Thema der vorliegenden Studie. Uns geht es um die Polittechnologien des Ersten Imperiums, in denen die Religion ein notwendiger, wenn nicht gar der hauptsächliche Bestandteil war.

Manche werden mir ja widersprechen, doch Religion und der Glaube an Gott sind nicht miteinander identisch. Eine Staatskirche ist ihrem Wesen nach nicht zuletzt eine politische Struktur, und da sie politische Funktionen erfüllt, wird sie sich unter allen Umständen die vorhandenen Polittechnologien zunutze machen. Ansonsten hört sie auf, Bestandteil eines politischen Systems zu sein.

Aus diesem Grund war es pure Notwendigkeit, daß die religiösen Strukturen des ersten, alles andere als heiligen Imperiums zumindest teilweise auch von all jenen Kirchen übernommen wurden, welche später auf den einst zum Ersten Imperium gehörenden Territorien entstanden – sofern diese Kirchen zu Staatskirchen wurden, wohlverstanden. Da gewisse Elemente des Ersten Imperiums in der staatlichen Praxis weiterlebten, bestanden sie zwangsläufig auch in der Praxis der Staatskirchen weiter, auch wenn es oft vorkommen mochte, daß die Kirche die staatlichen Bräuche abzumildern versuchte.

So oder so steht aber eines fest: Im imperialen Modell der Gesellschaftsordnung wird die Kirche zum Rückgrat des Staates. Das klassische „sozialistische Imperium“ ist ohne Kirche nicht denkbar, so wie umgekehrt auch die orthodoxeste Kirche nicht ohne „sozialistisches Imperium“ denkbar ist.

Der Leser möge sich nicht über unsere Terminologie wundern. Im vorletzten klassischen sozialistischen Imperium, der UdSSR (das letzte war China) wurden sämtliche Funktionen der Kirche von der Kommunistischen Partei erfüllt.

Doch weichen wir nicht von unserem Thema ab und begnügen wir uns mit dem Hinweis darauf, daß die Kirche gerade dank dieser Verbindung zwischen orthodoxer institutionalisierter Religion und orthodoxem Staat gemeinsam mit der Bürokratie als Initiatorin imperialer Projekte auftreten kann. Eine besonders wichtige Rolle spielt sie bei Projekten zur Bewahrung des Imperiums, denn um dieser willen werden Kirchen gebaut, wenn die Welle der Gewalt verebbt ist.

Und die Kirche bewahrt das Imperium. Sie bewahrt es auch dann, wenn die Heerscharen des Imperiums auf den Schlachtfeldern verblutet sind. Sie bewahrt es um jeden Preis. Sie ist daran interessiert und versteht sich auf diese Kunst.

Behalten wir dies gut in Erinnerung.


Kapitel 2. DAS GRÖSSTE GEHEIMNIS


1. Das Tatarenjoch oder die Inventarisierung einer plumpen Geschichtsfälschung

Hiermit haben wir die einleitenden Anmerkungen hinter uns gebracht, und wir können zu unserem historischen Kriminalroman übergehen, dessen Thema die Erforschung des sogenannten Tatarenjochs ist. Letzteres soll den Russen angeblich als Ergebnis eines Einfalls von Eroberern aufgezwungen worden sein, die aus dem ungeheuren Reich des Dschingis Khan eingedrungen waren. Dieses legendäre Reich selbst soll von den Mongolen geschaffen worden sein, nachdem sie China, ganz Zentralasien, den Iran und den Kaukasus unterworfen hatten.

Eine gewaltige Zahl nomadischer Mongolen, heißt es, habe sich urplötzlich in riesigen, aus Hunderttausenden von Reitern bestehenden Horden vereinigt und sei zu einem großen Eroberungsfeldzug aufgebrochen, der mit der Errichtung der Tatarenherrschaft in Rußlands seinen krönenden Abschluß gefunden habe.

Doch hält bereits diese Vorgeschichte des angeblichen Tatarenjochs keiner Kritik stand. Sie widerspricht nicht nur dem gesunden Menschenverstand, sondern auch den Naturgesetzen.

Tatsache ist, daß Nomaden, die in trockenen Steppen lebten, aufgrund des Zwangs der äußeren Umstände nicht in der Lage sind, sich in großen Scharen zu konzentrieren. Das ganze System der nomadischen Wirtschaft bedingt nämlich eine möglichst breite Streuung auf dem zur Verfügung stehenden Territorium. Konzentriert sich eine größere Zahl von Nomaden über längere Zeit auf einem kleinen Gebiet, so führt dies zu einem Mangel an Futter für das Vieh. Auf diese Tatsache haben etliche Kritiker des Mythos vom Tatarenjoch hingewiesen.

Doch auch Pferd und Schaf leben nicht vom Futter allein. Einer derartige Masse von Menschen und Herden hätte der Durst noch weit ärger zu schaffen gemacht als der Hunger. Keine einzige Oase kann Hunderttausenden von Menschen und Tieren auch nur einen oder zwei Tage lang ausreichend Wasser bieten. Man möchte die traditionalistischen Historiker nur allzu gerne fragen: „Meine Herren, haben Sie je versucht, Ihren Durst mit fauligem Wasser aus einem erschöpften Brunnen zu stillen? Wissen Sie, wie rasch das Wasser in einem solchen in der Steppe, und erst recht in der Wüste, zur Neige geht?“

Hätten die Mongolen es je fertiggebracht, ein so ungeheures Heer auf die Beine zu stellen, so hätte sich dieses bei der Suche nach Wasser und Gras für seine Pferde schon bald in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Doch dieses Heer hätte sich recht lange an ein und demselben Ort aufhalten müssen. Schließlich hätte man diese gewaltige Zahl von Reitern und Pferden zuerst formieren müssen. Es wäre unabdingbar gewesen, dieser anfangs amorphen Masse eine Struktur zu verleihen, die Beziehungen zwischen den einzelnen Unterabteilung festzulegen, Offiziere für die einzelnen Unterabteilungen zu ernennen, etc.

Nein, die Mongolen hätten keine solche Armee aufbieten können. Sie wären rein physisch dazu nicht in der Lage gewesen.

„Vielleicht war die Region, in der sie sich konzentrierten, sehr groß?“ wird man da einwenden. „Sie braucht ja nicht unbedingt in einer einzigen Oase oder an einem einzigen Steppenfluß gelegen zu haben.“

Wir wollen unsere Leser nicht mit einer Zahlenflut verwirren. Elementare Berechnungen, die auf dem erfahrungsgemäßen durchschnittlichen Futter- und Wasserbedarfs eines Pferdes, auf der Menge des von ihm zertretenen Grases, der verfügbaren Biomasse an Vegetation in der Steppe etc. fußen, ergeben aber folgendes: 

Nehmen wir an, die mongolische Armee habe aus nur hunderttausend Reitern bestanden (was bedeutet, daß sie mindestens dreihunderttausend Pferde benötigte). Nehmen wir weiter an, sie sei nicht etwa in der Wüste Gobi, sondern in der verhältnismäßig wirtlichen, mit Wäldern durchsetzten Steppe der Nordmongolei aufmarschiert. Unter diesen Bedingungen hätte sie sich zwangsläufig über ein Territorium von ungefähr anderthalbtausend Quadratkilometern zerstreuen müssen und nicht länger als fünf Tage dort verweilen können.

Man frage jeden beliebigen militärischen Fachmann, ob man innerhalb von fünf Tagen eine solche Masse auf einer so großen Fläche strukturieren und ordnen kann, wenn man über keine anderen Verbindungsmittel verfügt als über berittene Boten, die selbst auf den besten Pferden pro Tag nicht mehr als hundert Kilometer zurücklegen können. Er wird die Frage verneinen.

Und wenn der Aufmarsch nicht in der Nord-, sondern in der Zentralmongolei erfolgte? Dann hätte er auf einem noch drei- bis viermal größeren Gebiet stattfinden müssen, und die Strukturierung der Armee wäre sogar theoretisch unmöglich gewesen.

Wissen Sie übrigens, lieber Leser, woran der berühmt-berüchtigte Baron Ungern-Sternberg, einer der Führers der Weißen Bewegung, gescheitert ist? Er wollte seine aus knapp viertausend Reitern bestehende asiatische Division durch die Wüste Gobi führen. Die Division meuterte, da sie den Baron für verrückt hielt und meine, ein solches Unterfangen sei kein Feldzug, sondern kollektiver Selbstmord. Interessanterweise bestand diese Division zu zwei Dritteln aus Mongolen, welche mit den Regionen, wo sich weiland Hunderttausende von Kriegern Dschingis Khans versammelt und die Wüste durchquert haben sollen, bestens vertraut waren.

Die mongolischen Reiter Baron Ungern-Sternbergs hielten es also für Wahnsinn, die Wüste mit viertausend Mann durchqueren zu wollen. Mit viertausend Mann – nicht mit vierzigtausend und erst recht nicht mit dreihunderttausend.

Woher hätte ein solch gewaltiges Aufgebot in der Mongolei des Mittelalters überhaupt kommen sollen? Die demographische Struktur der patriarchalischen nomadischen Gesellschaft zeichnet sich durch Kinderreichtum aus. Um auch nur hunderttausend Reiter im kampffähigen Alter aufbieten zu können, hätte die Mongolei eine Bevölkerung von einer halben Million besitzen müssen. Die Einwohnerzahl der heutigen Mongolei beträgt ungefähr eine Million. In den meisten Ländern hat sich die Bevölkerung seither um wenigstens das Zehnfache vermehrt. Wenn die Mongolei keine Ausnahme darstellt, konnte ihre Gesamtbevölkerung zur Zeit Dschingis Khans hunderttausend kaum überschreiten, so daß eine Armee von hunderttausend, ja selbst von dreißigtausend Reitern von vorne herein an in Reich der Fabel zu verweisen ist. Wer unter diesen Umständen auch weiterhin von einer mehrere hunderttausend Reiter zählenden Armee Dschingis Khans schwadroniert, ist schlicht und einfach ein Banause, der nicht einmal die Grundbegriffe der Arithmetik beherrscht.

Doch nicht genug damit: Wie waren diese Massen von Reitern eigentlich bewaffnet? Eisen wurde zu jener Zeit hauptsächlich in Sumpfzonen gefördert (auf diese Frage gehen wir später noch ausführlicher ein), und in der Mongolei gibt es keine Sümpfe mit Erzvorkommen, was bedeutet, daß Eisen dort Mangelware gewesen sein muß.

Dieser Sachverhalt wird übrigens durch historische Quellen bestätigt. In China war es verboten, den Nomaden des Nordens Eisen und aus Eisen bestehende Gegenstände zu verkaufen. Da es in der Mongolei an Eisen mangelte, konnten die Mongolen sich letzteres einzig und allein in China besorgen (eine populärwissenschaftliche Darstellung dieses Themas findet man in einem Artikel A. Volkovs in der Zeitschrift Snanije-Sila [Wissen ist Stärke], Nr. 10/2004). Das von den Herrschern Chinas erlassene Verbot, Eisen und eiserne Gegenstände zu exportieren, diente also dazu, eine wirksame Bewaffnung der Nomaden zu verhüten.

Kurz und gut: Die Bewohner der Mongolei waren auf den Import von Eisen angewiesen, das sie sich aber auf legalem Wege nicht besorgen konnten. Nichtsdestoweniger will man uns weismachen, sie hätten es fertiggebracht, ein gewaltiges, bis zu 300.000 Mann zählendes Heer ausreichend zu bewaffnen. Dazu hätten sie jahrzehntelang Eisen horten müssen, und dies hätte eine landesweit zentral gesteuerte Wirtschaft vorausgesetzt. Unter den damaligen Bedingungen war dies eine radikale Unmöglichkeit. Erst recht unmöglich war es, einen „großen Führer“ zu wählen, der innerhalb einiger Jahre alle politischen Probleme löste und dann mit einer vieltausendköpfigen Armee in China einfiel.

Womit war diese Armee eigentlich bewaffnet? Etwa mit Stöcken?

An den Mythen von den „Nomadenstaaten“ ist von Anfang an etwas faul. Aus irgendwelchen Gründen haben diese von Nomaden geschaffenen Imperien weder in der materiellen noch in der geistigen Kultur irgendwelche Spuren hinterlassen. Viele Historiker haben denn auch Zweifel an der Realität der nomadischen Reiche geäußert. Solche Zweifel finden sich in den Werken sämtlicher „alternativen Historiker“, die von uns zuvor erwähnten nicht ausgenommen. Wie wir im ersten Kapitel dieses Buches festgehalten haben, ist der Staat ein Organismus, der auf Gewalt beruht und unter den Bedingungen einer großen Konzentration von Menschen entsteht. Doch niemand unterwirft sich der Knute und dem Beil aus freiem Willen. Wer die Möglichkeit besitzt, der Gewalt des Staates zu entrinnen, nutzt diese in der Regel, und gerade Nomaden besitzen diese Möglichkeit in besonders hohem Grade. Noch im 20. Jahrhunderts vermochte der Sozialismus des Stalinschen Imperiums gewisse Nomadenstämme nicht einmal mit Maschinengewehren und Flugzeugen in die Kolchosen zu treiben. Die Uiguren beispielsweise setzten sich ganz einfach nach Xinjiang ab. Weiter  nördlich lebende Völker vermochten sich dem Zugriff der eifrigen sowjetischen Bürokraten zu entziehen, indem sie jahrzehntelang durch die Tundra streiften.

Daß sich Nomaden auf Wunsch irgendwelcher „Führer“ plötzlich freiwillig zu Hunderttausenden versammelten, geduldig am Hungertuch nagten und ihren Durst mit einer übelriechenden Lauge aus erschöpften Brunnen stillten, ist erst recht unvorstellbar. Das System der nomadischen Wirtschaft, deren Grundprinzip die territoriale Dezentralisierung ist, steht an sich in völligem Widerspruch zur Praxis der Staatenbildung im Altertum sowie im Mittelalter, die eine Konzentrierung möglichst vieler Menschen auf einem möglichst kleinen Gebiet voraussetzte (vgl. unser Buch Die Eigenen und die Fremden).

Somit behalten die Kritiker der Mythen von den „nomadischen Imperien“ recht. Es geht hier wohlverstanden nicht um bloße Details. Nomaden können sich grundsätzlich nicht in Staaten organisieren. Die systembildenden Merkmale der nomadischen Wirtschaft lassen sich mit denen eines straff organisierten Staates nicht unter einen Hut bringen. Nomaden kann man einen Staat allenfalls aufzwingen, und auch dann sind sie dessen unzuverlässigste Untertanen.

Führen wir diesen Gedankengang weiter. Betrachtet man die wirtschaftliche Tätigkeit vom allgemeinsten Standpunkt, nämlich als Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur, so kann man gewisse Merkmale des Nomadentums auch heutzutage in anderen wirtschaftlichen und sozialen Organismen finden. Nicht ohne Grund war der Ausdruck „Neue Nomaden“ im Westen zu einer gewissen Zeit so modisch. Interessant ist nun folgendes: Je stärker die Tendenzen des „Nomadentums“, desto schwächer sind die staatlichen Institutionen. Wie könnte es auch anders sein.

Kurz und gut: Die mythischen mongolischen Nomaden aus der Zeit des mythischen Dschingis Khan konnten kein Imperium schaffen.

Zur Untermauerung des bisher Gesagten wollen wir darauf hinweisen, daß der erwähnte Baron Ungern-Sternberg noch im 20. Jahrhundert nur ein viertausendköpfiges Reiterkorps zusammentrommeln konnte (das zu einem erheblichen Teil nicht aus Mongolen, sondern aus Weißen Emigranten und östlich des Baikalsees lebenden Kosaken bestand). Dieses Korps verfügte – wenn auch nur in bescheidenem Masse – über Transportmittel, die es in der mittelalterlichen Mongolei noch nicht gab, u.a. auch über ein paar Flugzeuge. Mit diesem Korps vermochte sich Ungern-Sternberg de facto zum Herrn der Mongolei aufzuschwingen. Als Retter dieses Staates vor der chinesischen Aggression besaß er große Autorität. Dabei halte man sich vor Augen, daß die Bevölkerung der Mongolei größer war als zur Zeit Dschingis Khans.

Trotz allem gelang es ihm nur gerade viertausend Reiter zu mobilisieren. Gesetzt, der legendenumrankte Dschingis Khan hatte ein wirkliches historisches Vorbild – wie hätte dieser denn ein mehrhunderttausendköpfiges Reiterheer aufbieten können? Einige tausend Mann mag er zusammenbekommen haben, nicht mehr.

Und mit einer solchen „Horde“ soll er sich die halbe Welt untertan gemacht haben? Wollt ihr uns eigentlich zum Narren halten, ihr Herren Hofhistoriker?

Doch nehmen wir einmal an, dieser Horde sei tatsächlich zu einem Feldzug aufgebrochen. Einem Feldzug, der sie durch ein viele tausend Kilometer breites Gebiet führte. Sie besaßen keine Karten und wußten vor allem nicht, wohin die Reise ging. Nehmen wir ferner an, fünfhundert Marodeure hätten diese Reise erfolgreich hinter sich gebracht. Fünfhundert, nicht fünfhunderttausend. Eine solche Horde kann tatsächlich ausreichend Futter für die Pferde und genügend Brunnen finden, wenn sie einigermaßen mit der Gegend vertraut ist.

Beiläufig sei noch darauf hingewiesen, daß eine Bande ihre zahlenmäßige Stärke durch die Aufnahme Angehöriger irgendwelche „unterworfener“ Völker nicht nennenswert erhöhen kann. Sobald ihre Zahl ein paar tausend überschreitet, kann sie sich nicht mehr als kompakte Formation auf den dürren Steppen – oder gar in den Wüsten – fortbewegen, weil es dann nicht mehr genügend Futter und Wasser für die Pferde gibt. Zerstreut sie sich aber, so setzen sich die zwangsrekrutierten Angehörigen der besiegten Völker flugs ab.

Angesichts dieser Voraussetzungen bleibt die Horde zwangsläufig klein. Doch nehmen wir an, sie sei von Tatendrang erfüllt und zielstrebig wie zu Beginn des Feldzugs. Wenn die offizielle Geschichtsversion auch nur einigermaßen stimmt, legt sie in Wüstenzonen Hunderte von Kilometern zurück, wird dann in Kämpfe verwickelt und setzt anschließend ihre Wanderung fort – und dies alles mehrere Jahre hintereinander. Hält man sich vor Augen, daß ihr Marsch durchaus nicht auf einer geraden Linie verlief, mußten sie dabei wenigstens 15.000 Kilometer zurücklegen, wobei sie der Reihe nach die Mongolei, Xinjiang, Zentralasien sowie die Territorien des heutigen Kasachstan. (Mit dem Flugzeug wären es heute von der Zentralmongolei bis zu den Ufern der Wolga fünfeinhalbtausend Kilometer.)

Kann man so etwas glauben? Ganz eindeutig nein. Um so mehr, als es in unserer jüngeren Geschichte einen Präzedenzfall gibt, der die physischen Möglichkeiten und Begrenzungen eines solchen Unterfangens veranschaulicht. Im Jahre 1935 zogen turkmenische Reiter von Aschchabad nach Moskau. Ihre Anzahl betrug nicht mehr als ein paar Dutzend. Ihnen standen Funker und Flugzeuge zur Verfügung, ferner Lastwagen mit Futter für die Rosse und Proviant für die Männer. Daß man ihnen die besten Pferde zugeteilt hatte, versteht sich von selbst.

Doch nach ihrer Ankunft in Moskau waren die Pferde

Kaum noch gehfähig und mußten per Zug nach Aschchabad zurückgeschafft werden. Die Reiterschar selbst war bis zum äußersten ermattet, und daß sie es überhaupt nach Moskau geschafft hatte, wurde in der Iswestija damals als „weltgeschichtlich einzigartige“ sportliche Großtat gefeiert.

Und nun stellen Sie sich vor, daß ein berittenes Heer während des ganzen Marsches immer wieder in Kämpfe verwickelt wird, auf jede Art moderner Transport- und Kommunikationsmittel verzichten muß und zum krönenden Abschluß in der Nähe von Moskau noch eine gewaltige Schlacht schlagen muß! Es versteht sich von selbst, daß all dies gänzlich wirklichkeitsfremd ist. Doch gerade aus solchen Episoden – einem ein- bis zweitausend Kilometer langen Marsch durch Wüsten und dürre Steppen, gefolgt von siegreichen Schlachten, die mit vorwiegend frischen Kräften aus den Reihen irgendwelcher „unterjochten“ Völker ausgefochten wurden – besteht der ganze mythische Feldzug des Dschingis Khan.

Dies zu glauben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist dies ein Märchen. Ein finsteres, läppisches Märchen.

Nehmen wir jedoch wieder einmal an, das Unmögliche sei damals möglich geworden, und eine Bande von vielleicht fünfhundert säbelschwingenden Reitern habe es fertiggebracht, die halbe Welt zu erobern. In der mythischen Phantasiegeschichte V. Jans singen die Batyry Tschingis Khans: „Der Sand von vierzig Wüsten hinter uns/ist purpurrot vom Blute feiger Memmen.“ (In Wirklichkeit wäre der „Sand der vierzig Wüsten“ viel eher mit den Leichen dieser „Krieger“ übersät gewesen, die elend an Durst zugrunde gegangen wären.)

Und nun stehen die Schatzkammern der halben Welt den Eroberern offen. Zehntausende von Sklaven bauen diesen neue Residenzen, und das Territorium des Imperiums ist von einem Netz effizienter Strassen durchzogen. Wo, bitteschön, sind die materiellen Spuren all dessen? Die Strassen des Römerreiches sind bis zum heutigen Tage erhalten, und die Spuren wesentlich bescheidener Schatzkammern desgleichen, von den Prachtbauten ganz zu schweigen. Aber vom Imperium Dschingis Khans ist nichts erhalten geblieben. Nicht die geringste Spur!

Es ist nichts erhalten geblieben, weil es dieses Imperium nicht gab. Es gab es nicht und konnte es nach den Naturgesetzen auch gar nicht geben. Es ist an der Zeit, mit dem Nacherzählen dieser alten Legende aufzuhören.

Wer nicht ohne eine ausführlichere Analyse dieser Märchen auskommen kann, dem sei A. Buschkows Buch Rossija, kotoroj ne bylo [Das Rußland, das es nicht gab] (Olma-Press, Moskau 2004) empfohlen. Der Verfasser analysiert darin einige (genauer gesagt sieben) Berichte vom Imperium Dschingis Khans und weist nach, daß sie in Wahrheit Märchen sind. Einige dieser Legenden kommen uns fatal vertraut vor, finden sie sich doch auch in... Tausendundeine Nacht. Dies gilt beispielsweise für das Märchen vom Vogel Roch. Wer hätte das gedacht! Der große Dschingis Khan und der Riesenvogel Roch, der in seinen Klauen Elefanten zu tragen pflegte, entstammen ein und derselben Märchensammlung.

Wir schenken es uns, näher auf diese zusätzlichen Beweise für den legendenhaften Charakter der Geschichte von Dschingis Khan einzugehen, und wiederholen statt dessen noch einmal, daß die Geschichte dieses Imperiums den Naturgesetzen widerspricht.

Da sich unsere Darlegungen an das Genre des Kriminalromans anlehnen, gilt es den Leser darauf aufmerksam zu machen, daß bereits die Vorgeschichte des sogenannten „Tatarenjochs“ eine totale Lüge ist. Und dies, hohes Gericht, spricht nicht zugunsten der Schöpfer dieser Version von der russischen Geschichte. Wie sollen wir nun weiter verfahren?

Die Antwort auf diese Frage könnte lauten: Man müßte jene Episode, die man als „Schlacht bei Kalka“ zu bezeichnen pflegt, etwas näher unter die Lupe nehmen. Doch dies werden wir nicht tun. Was verbindet Kalka eigentlich mit dem Einfall Batys? Der Legende zufolge erfolgten sowohl der kurze Angriff auf Rußland, der mit der Episode von Kalka zu Ende ging, als auch der Einfall Batys aus dem Reich des Dschingis Khans. Doch wie wir eben nachgewiesen haben, gab es dieses Reich nicht. Demzufolge muß die Legende von Kalka einfach ein Auswuchs des Mythos vom Tatarenjoch sein, der im Grunde nur einen Zweck verfolgt: Er soll den Einfall Batys ein weiteres Mal mit dem mythischen Mongolenreich verknüpfen. Nachdem wir die Legende vom diesem Reich in ihrer Gesamtheit entlarvt haben, brauchen wir einen unbedeutenden Ausläufer dieser Legende nicht mehr lange zu analysieren.

Immerhin lohnt sich der Hinweis darauf, daß die traditionelle Schilderung der Schlacht bei Kalka voller Widersprüche und Ungereimtheiten ist, die A. Buschkow in seinem erwähnten Buch anschaulich aufzeigt. Wir können uns aber nicht lange bei einer der vielen Absurditäten der offiziellen Geschichte aufhalten und kehren deshalb zu unserem eigentlichen Thema zurück.

Laut der offiziellen Geschichtsversion begann der Einfall Batys mit dem Winterfeldzug von 1237. Über Nacht aufgetauchte (oder, wenn wir den Mythos von Dschingis Khan verwerfen, aus dem Nichts gekommene) Horden von Nomaden drangen in Rußland ein. Im Handumdrehen nahmen sie Rjasan ein und erstürmten anschließend andere Städte des Fürstentums von Vladimir und Susdal, darunter Vladimir und Susdal selbst. Am Fluß Sit wurde das Heer des Großfürsten Juri vernichtend geschlagen. Als nächstes marschierten die Tataren gen Nowgorod, kehrten jedoch zurück, nachdem sie die Kleinstadt Torschok mit Mühe und Not erobert hatten. Anschließend fielen sie in das Gebiet des Fürstentums von Tschernigowsk ein und nahmen das kleine Koselsk nach langer und mühevoller Belagerung ein.

Dann kehrten sie „in die Steppe“ zurück. Sie sammelten neue Kräfte und eroberten in den folgenden zwei Jahren die Städte der Fürstentümer von Tschernigowsk und Kiew. Anno 1240 marschierten sie dann weiter nach Westen, ins Herz Europas.

Hier wollen wir vorläufig innehalten und uns einige Gedanken über den Auftakt des Feldzugs machen, den Baty unternommen haben soll. Die Nomaden greifen also im Winter zu den Waffen. Dies mutet bereits recht merkwürdig ein; eine Reiterarmee beginnt einen Feldzug nämlich am besten im Sommer, wenn den Pferden das Futter unter den Hufen wächst. Dabei steht Baty doch gar nicht unter Zeitdruck. Die strategische Initiative liegt ganz bei ihm.

Trotzdem beschließt er, im Winter zuzuschlagen. Laut der offiziellen Legende (pardon, Geschichte) beginnt dieser Winterkrieg mit dem Angriff einer gewaltigen Armee aus einigen hunderttausend Reitern. Dies ist eine reine Absurdität. Wir haben nachgewiesen, daß die Konzentration einer dermaßen riesigen Zahl von Reitern nicht einmal im Sommer und in der den Nomaden vertrauten Steppe zu bewerkstelligen ist – wie soll sie dann erst im Winter und in waldreichen Zonen möglich sein!

Interessanterweise haben die traditionalistischen Historiker ihre Position in dieser Frage lange hartnäckig verteidigt, doch schließlich haben sie die Segel gestrichen und die Zahl der Reiter auf 30.000 herabgesetzt.

Nein und abermals nein, meine Herren. Auch über 30.000 Mann konnte Baty ganz unmöglich verfügen. Die Kriegsgeschichte berichtet von einem gewissermaßen „natürlichen Experiment“, das unter ähnlichen Bedingungen ablief. Im Winter 1942/1943, nach der Einkreisung der Deutschen bei Stalingrad und dem Durchbruch durch die zuvor geschlossene deutsche Front, setzten einige Kavallerieeinheiten der Roten Armee zu einem tiefen Einbruch durch die deutschen Linien an. Den Kavalleristen standen dabei gesonderte motorisierte Verbände bei, und sie verfügten auch über Luftunterstützung. Sie kamen bis Debalzev; vereinzelte Attacken waren sogar in der Umgebung von Saporoschje zu verzeichnen.

Dem deutschen Kommando bereitete dies große Sorgen, während des sowjetische sehr wohl begriff, welche Chancen ihm eine Weiterführung dieser Operation bot. Es plante, die Anstrengungen in dieser Richtung zu verdoppeln und eine regelrechte Reiterarmee aufzubieten. Doch daraus wurde leider nichts.

Der Grund dafür lag darin, daß es unter winterlichen Bedingungen nicht genügend Futter für diese große Zahl von Pferden gab. Das aus den vollen deutschen Arsenalen erbeutete Futter reichte nicht aus. Es kam so weit, daß man das Futter mit Flugzeugen herbeischaffen mußte, doch auch dieser Schritt erwies sich als unzureichend.

Deshalb mußten die Kavallerie-Attacken nach nur drei Monaten eingestellt werden. Die maximale Konzentration berittener Soldaten in einem Frontabschnitt hatte nicht mehr als 10.000 Mann betragen. Es versteht sich von selbst, daß die Verbindung zwischen den an den Einsätzen beteiligten Einheiten per Funk gewährleistet wurde. Die Einsätze erfolgten übrigens auf einem Gebiet vom Don bis zum Dnjepr (von seiner Fläche her war dieses Territorium demjenigen vergleichbar, wo sich die erste Phase von Batys Feldzug abgespielt haben soll).

Selbst mit technischen Hilfsmitteln, von denen Baty nie geträumt hätte, gelang es also nicht, 30.000 Kavalleristen im Winter zu konzentrieren, was beispielsweise die Einnahme Saporoschjes ermöglicht oder es der Roten Armee gestattet hätte, dem Feind fünf oder sechs Monate lang Nadelstiche von hinten zu versetzen.

Somit fällt die Geschichte vom winterlichen Einfall der Nomaden, die nicht mit dem Kriegsschauplatz vertraut waren, keine angemessenen Verbindungs- und Transportmittel besaßen und nicht in der Steppe, sondern in dichten Wäldern operierten, in sich zusammen. Eine Bande von fünfhundert oder auch tausend Säbelschwingern hätte freilich schon in Rußland eindringen können. Doch um mehrere Fürstentümer eines nach dem anderen zu unterwerfen hätte diese Zahl nie und nimmer ausgereicht.

Nehmen wir aber an, es habe sich nicht um aus dem Nichts eingedrungene Nomaden gehandelt, sondern um Aggressoren, welche das Gebiet sehr wohl kannten. Eine solche Reiterschar hätte sehr wohl reelle Chancen gehabt, recht tief auf russisches Territorium einzudringen, ungefähr so tief wie die sowjetischen Kavallerieabteilungen, die im Winter 1942/1943 von der Wolga bis nach Debalzev vorstießen. Doch aufgepaßt: Es kann sich nur um rasch vorgetragene Attacken gehandelt haben, die verhältnismäßig kurze Zeit in Anspruch nahmen. Genau so sind nach Baty die Krimtataren in Rußland eingefallen, und genau so hat Tochtamysch Moskau eingenommen.

Halten wir ein wichtiges Detail fest. Sowohl beim Einfall der Krimtataren als auch beim Feldzug des Tochtamysch bot sich das zahlenmäßige Verhältnis nicht viel anders dar als beim Einfall Batys. Den Tataren des Tochtamysch standen im wesentlichen die Streitkräfte des Fürstentums von Wladimir und Susdal gegenüber, und bei dem zur Zeit Iwans des Schrecklichen erfolgten Einfall der Krimtataren wurden die Heere des formell vereinigten Russenlandes ebenfalls vernichtend geschlagen. Damals tobte der Livländische Krieg, und im Inneren des Landes wütete die Opritschina gegen die Widersacher des Monarchen. Somit war die totale Niederlage der russischen Streitkräfte beim Einfall Batys durchaus kein Sonderfall.

Außerdem liegt die Annahme nahe, daß die Tataren beim Angriff des Tochtamysch genau über das Gelände sowie die Stärke des Gegners Bescheid wußten und ihren Einmarsch folglich präzis planen konnten. Nichtsdestoweniger trugen all diese Feldzüge den Charakter kurzer Überfälle, und nachdem die Angreifer ihren Mobilitätsvorteil eingebüßt hatten und das Überraschungsmoment verpufft war, vermieden sie es, sich in einen Abnützungskrieg hineinziehen zu lassen, und zogen sich zurück.

Dementsprechend konnte auch Baty nicht den ganzen Winter hindurch durch Rußland ziehen und ein Fürstentum nach dem anderen in die Knie zwingen.

Trotzdem wollen wir versuchen, die Umstände zu rekonstruieren, unter denen der in der offiziellen Geschichtsversion geschilderte Einfall Batys vom militärisch-technischen Standpunkt aus am wahrscheinlichsten gewesen wäre. Hier erweist es sich nun, daß wir uns auf eine Vielzahl genau bekannter Analogien stützen können. Diese Analogien sind jedermann bekannt, kommen einem aber einfach nicht in den Sinn. Ziehen wir ein weiteres Mal die Parallele zum Genre des Kriminalromans und erinnern wir uns an die folgenden Worte von Sherlock Holmes: „Sie schauen, Watson, aber Sie sehen nicht.“

Der Haken besteht darin, daß Menschen aus der Steppe – die nicht unbedingt Nomaden zu sein brauchen – bei sonst gleichem Kräfteverhältnis unter den Bedingungen des Mittelalters weniger mobil waren als Waldbewohner. Dies erklärt sich mit der jeweiligen Wirtschaftsstruktur und der Notwendigkeit, Futter für die Pferde aufzutreiben. Wir gehen auf diese Frage im nächsten Kapitel ausführlicher ein, doch lohnt es sich, schon hier auf dieses – übrigens ganz offenkundige – Faktum hinzuweisen.

Angesichts dieser Ausgangslage waren die Streitkräfte der Russen, Kasachen, Polovzen, Tataren etc. beweglicher und schneller mobilisierbar. Diesen Umstand machten sich die russischen Fürsten und nach ihnen die Zaren zunutze, jedoch nicht allein sie. Wir erinnern daran, daß Männer aus Saporoschje im Krieg zwischen Frankreich und Spanien bei Dünkirchen auf französischer Seite fochten. Dort soll gewissen Chronisten zufolge auch Bogdan Chmelnizkij seine militärische Karriere begonnen haben.

Die Teilnahme rasch mobilisierbarer Kontingente von Polovzen, Tataren und Kosaken an verschiedenen Kriegen auf dem Territorium Rußlands, Litauens und Polens war sowohl vor als auch lange nach dem Einfall Batys gang und gäbe. Doch aufgepaßt: Wie lange die Teilnahme der Steppenreiter an solchen Kriegen dauerte, und wie tief sie auf das Territorium Rußlands, Litauens oder Polens vorstießen, hing ganz von den potentiellen Möglichkeiten jener ab, die sie „eingeladen“ hatten.

Im vorliegenden Fall handelte es sich nicht um Überfälle auf ein vollkommen feindliches Gebiet, sondern um Aktionen in Zusammenarbeit mit einer der verfeindeten Gruppen innerhalb des Russenlands, Litauens oder Polens selbst. Dann kam jene Kriegspartei, welche die Hilfstruppen aus dem Osten eingeladen hatte, für deren Versorgung auf. Je größer ihre diesbezüglichen Möglichkeiten waren, je weitverzweigter das Netz der Versorgungsbasen war, desto länger vermochten die Steppenkontingente tief in einem ihnen unbekannten Territorium zu verweilen, und desto größer durften sie sein.

So kann man sich den Einfall Batys theoretisch sehr gut vorstellen. Resümieren wir:

1. Es war kein Einfall irgendwelcher Nomaden, die auf russisches Gebiet eingedrungen waren.

2. Es war der Einfall einer Armee, die in den unmittelbar an das Russenland angrenzenden Regionen aufgeboten worden war.

3. Es war ein Einfall, der im Rahmen einer militärisch-politischen Aktion der russischen Fürsten selbst erfolgte, genauer gesagt eines Teils von ihnen, der gegen einen anderen Teil kämpfte.

Warum übrigens nur der Fürsten? An der „Einladung“ und Versorgung der Eindringlinge konnten auch irgendwelche anderen Elitegruppen teilnehmen, welche dies wünschten und die Möglichkeit dazu besaßen.

Hier wollen wir einen Augenblick innehalten und die sich aufdrängenden Folgerungen aus dem bisher Erschlossenen ziehen. Vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes und des elementaren Professionalismus aus kann man sich lediglich zwei Varianten vorstellen:

Erstens: Der Einfall Batys ist ebenso ein Mythos wie das Imperium Dschingis Khans.

Zweitens: Der Einfall Batys war ein Element der Politik der russischen Elite selbst, die eine Armee von Steppenreitern zu ihren eigenen Zielen ausnutzte.

Das Faktum des Einfalls selbst läßt sich nicht bestreiten, wird er doch durch recht zuverlässige Zeugnisse belegt, die sich keinesfalls nur in den zutiefst lügenhaften und „redigierten“ russischen Chroniken finden. Dies bedeutet, daß die Invasion eine militärische Hilfsoperation im Rahmen eines großen militärisch-politischen Kräftemessens innerhalb des Russenlandes selbst war.

Greifen wir unseren endgültigen Schlußfolgerungen ein wenig vor und weisen wir darauf hin, daß diese These von vielen Autoren vertreten wird. Formell unterschiedliche, doch ihrem Wesen nach übereinstimmende Theorien laufen darauf hinaus, daß zwischen dem nach dem Einfall in Rußland errichteten Regime und der Horde eine gewisse Einheit bestand, und zwar nicht eine Einheit von Siegern und Besiegten, sondern eine Art Symbiose. Wenn dem aber so ist, mußte die Gewinnerin der Invasion eine führende Gruppierung im Russenland - oder mehrere solche Gruppierungen - sein. Genau so verhielt es sich auch.

Erstens siegte, gesamthaft gesehen, das Fürstengeschlecht der Nachkommen des Wsewolod Bolschoje Gnesdo [„Wsewolod das Große Nest“].

Zweitens siegte innerhalb dieses Geschlechts der jüngere Zweig – die Nachkommen des Fürsten Jaroslaws, der in Pereslawl-Salesski geherrscht hatte.

Drittens wurde die wirtschaftliche und politische Macht der orthodoxen Kirche erheblich gestärkt.

Aufschlußreicherweise werden diese Feststellungen praktisch von niemandem angefochten. Die traditionellen Historiker machen lediglich geltend, diese Entwicklung sei die Folge des Verhandlungsgeschicks Jaroslaws, seines Sohnes Alexander Newski sowie schließlich der Moskauer Fürsten Juri und Iwan Kalita gewesen.

Doch jene Historiker, die einer alternativen Sicht der Geschichte huldigen, lächeln nur über diese Behauptungen. So könnten sich die Dinge nicht abgespielt haben, meinen sie. Kein Eroberer festige das Regime des unterjochten Landes; kein Eroberer rüste die Besiegten massiv auf; kein Eroberer stärke die einheimische ideologische Basis in einem unterworfenen Land.

Analysiert man die Auswirkungen, die der Einfall Batys sowie die darauf folgenden Ereignisse gezeitigt haben, so gelangt man zwangsläufig zum Schluß, daß die Tataren ihre Invasion eigens darum unternommen haben, um die politische Linie von Wsewolod Bolschoje Gnesdo, der auf die Erringung der persönlichen Macht im ganzen Russenland aus war, fortzusetzen. Dabei handelten die Tataren nach der Errichtung ihrer Herrschaft niemals auf eigene Faust. Sie unterstützten lediglich die Aktionen der Nachfahren Newskis gegen seine politischen Gegner.

Auch der orthodoxen Kirche brachte die Invasion nur Nutzen, zumindest aber keinen Schaden. Doch wollen wir dieses außerordentlich interessante Thema vorderhand nicht behandeln und uns mit der Wiederholung der bekannten Feststellung begnügen, daß die Tataren die Kirche unter ihre Fittiche nahmen und der Plünderung kirchlicher Güter Einhalt geboten (wie immer im Krieg kam es natürlich zu Exzessen, doch diese blieben Einzelfälle).

Doch alles in allem, vom Standpunkt des Wertesystems der klassischen „Russenländer“ aus gesehen, macht es ganz den Anschein, als habe Batys Einfall überhaupt keine negativen Konsequenzen für das politische System des Russenlandes nach sich gezogen.

Wenden wir uns wieder der vorherrschenden These über den Einfall Batys zu. Sie ist schlicht und einfach einfältig, denn es gibt keine Invasionen, die sich nicht auf das politische Regime der Eroberten auswirken. Die Normannen veränderten im unterworfenen England alles und jedes. Der Boden wechselte seine Besitzer, die sozialen und politischen Institutionen änderten sich, es änderte sich sogar die Sprache. Daß auch eine neue Königsdynastie den Thron bestieg, bedarf kaum der Erwähnung.

Nicht minder einschneidende Veränderungen erzwangen auch die Spanier in den eroberten Reichen der Inkas und Azteken und die Briten im kolonisierten Indien. Ja sogar die – nach Ansicht vieler „sanften“ – russische Eroberungen im Osten zogen den Sturz des kasachischen und des astrachanischen Khanats, des Khanats des Kutschum sowie der daurischen Khanate nach sich. Aber der „Altruist“ Baty begnügte sich damit, am Regierungspersonal des Fürstentums von Vladimir und Susdal einige Korrekturen vorzunehmen, und unterstützte die umgemodelte Regierung fortan nach Kräften! So nachsichtig pflegen Eroberer nicht zu sein.

Deshalb betonen wir ein weiteres Mal: Der Einfall Batys war kein Eroberungsfeldzug.

Der eine oder andere gefühlsbefrachtete Leser wird hier vielleicht empört ausrufen: „Als was soll man denn die Verwüstung von Städten, die massenhafte Verschleppung von Gefangenen und ähnliche Gewalttaten bezeichnen?“ Der Verfasser kann diesen emotionalen Einwand sehr wohl verstehen. Doch die Realitäten des Mittelalters hatten mit unseren heutigen Vorstellungen von zivilisiertem Benehmen leider herzlich wenig gemein.

Wir schenken es uns, hier an die zahleichen, von niemandem geleugneten Scheußlichkeiten der russischen Fürsten zur Zeit der Fehden noch vor dem Einfall Batys zu erinnern. In den russischen Chroniken werden zahlreiche solche Greuel geschildert – und nicht nur in den russischen. Wer sich ein Bild von diesen Grausamkeiten machen will, der greife zu dem interessanten Buch A. Buschows Das