Die neuen ideologischen Herausforderungen
Guillaume Faye

Wir leben einen politischen Bruch: der alte Streit zwischen ,rechts’ und ,links’, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf dem Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den negativ zu bewertenden Bereichen dieser Zivilisation, in den Bereichen ihrer machtstrukturellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ,Werte’.
Dieses Buch will etwas dagegen tun. Die einzelnen Abhandlungen zeigen auf, daß sich eine neue Trennungslinie entwickelt, zwischen den Anhängern des Kosmopolitismus und den Verfechtern der ethnokulturellen Identität. In unserer Zeit der Entfremdung von kultureller Schöpferkraft und Tradition eines Volkes ist es unerläßlich geworden, die Wurzeln der Identität, der geistigen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung des Einzelnen sowie der verschiedenen Lebens- und Kulturgemeinschaften zu beschreiben, ferner eine Argumentationsbasis für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Geist der Entmündigung, Auflösung und Zerstörung herzustellen.
Die neuen Streitgespräche über die Problematik der Einwanderung und der mehrrassischen, mehr- und mischkulturellen Gesellschaft, über den Verlust von kulturellem Erbe und der Tradition eines Volkes sowie über die technische Entwicklung werfen bezeichnenderweise stets als eine entscheidende Frage die nach der Identität auf. Auch die Bedrohungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stehen im Mittelpunkt der Identitätsdiskussion. Im Kampf gegen die universale Mischkultur muß man die nationalen europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Es gilt, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Mut zur Identität verficht das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker, und nicht umgekehrt!
I. Die Rückkehr der Herausforderungen
Die ideologische und kulturelle Atmosphäre im Europa der Nachkriegszeit, einem durch den Frieden und die bislang längste Hochkonjunktur domestizierten Europa, stand bis in die siebziger Jahre ausschließlich unter dem doppelten Zeichen des politischen Scheins und Trugbildes. Die denkenden Eliten konnten nichts anderes tun, als Träumen nachzuhängen, da sie um Herausforderungen, um Geschichte gebracht waren, da sie in einer warmen Gesellschaft ohne sichtbare Bedrohungen hocken blieben.
Die von Sartre eingeführte große Mode des Engagements trat genau zu dem Zeitpunkt auf, als Sich-Engagieren in so gut wie gar nichts mündete und weder Risiken noch grundlegende Folgen in sich schloß. „Viele Intellektuelle“, schreibt Jean-Claude Guillebaud, „erlagen den stalinistischen Versuchen, als Stalin die befriedete Welt kaum noch bedrohte. Im gleichen Zug wurde man kulturell antiamerikanisch im Schutz von Washingtons Atomschirm. Und man durchlebte die imaginären Ängste einer siegenden Revolution, gerade als sich Europa ziemlich ungestört einem auf dem Wohlfahrtsstaat gründenden sozialdemokratischen Modell näherte (...) Als wenn das aus dem Alltagsleben ausgeschiedene Tragische auf dem Weg des Imaginären wieder zu Kräften hätte kommen dürfen. Nur Friede und Wachstum konnten solche geistigen Verschwendungen erlauben. Später ging der sogenannte Tiersmondismus, d. h. die Dritte-Welt-Solidarität, zweifelsohne aus dem gleichen instinktiven Willen hervor: ein Ersatzpathos zu finden und sich weiterhin — allerdings durch Substitution — an allen Schwärmereien der Geschichte zu beteiligen. Gleichermaßen blühten die heftigste Kritik an der Konsumgesellschaft, die agrarländliche Sensibilität und die Traumvorstellungen vom Nullwachstum gerade, als das Bruttonationalprodukt am stärksten wuchs.1
Das Europa der 80er Jahre scheint gegenüber jenem zappelnden aus den 60er Jahren geradezu entpolitisiert. Man wäre versucht zu sagen, daß der Beschleunigung unserer Dekadenz eine immer mehr ausgeprägte Oberflächlichkeit der ideologischen Auseinandersetzung entspricht. Weit liegt Mai 68 zurück, da wir auf dem Universitätscampus für oder gegen Mao, für oder gegen die spontan-proletarische Arbeiterkommune kämpften, da Rom, Berlin und Paris bei der Aufforderung zur ,Revolution’ zu vibrieren schienen.
Und dennoch wird dieses Europa des ausgehenden Jahrhunderts allem Anschein zum Trotz von einer Debatte belebt, die grundlegender ist als das hohle Wortgeklingel der Nachkriegszeit. Diese war von den alten politischen Trennungslinien beherrscht, die der Marxismus, die soziale Frage und die Polarität Linke-Rechte hervorgerufen hatten. Alles trug sich zu, als wenn diese drei Jahrzehnte — nach einer fruchtbaren Parenthese (1920-1940), in der die echten Trennungslinien und die wahren ideologischen Debatten des 20. Jahrhunderts zutage getreten waren — auf völlig irreale Weise die doktrinären Konflikte des 19. Jahrhunderts wiederaufgenommen hätten.
Die Revolten auf dem Campus, die linksradikalen Unruhen, die neomarxistischen Ideologien, die Auseinandersetzungen um Feminismus, Arbeiterchristentum, Maoismus, Anarchismus usw. stellten in Wirklichkeit ein riesiges Trugbild dar, das Trugbild einer Gesellschaft ohne Herausforderungen, einer durch den mühelosen Überfluß betäubten Gesellschaft. Unter dem Anschein einer intensiven Politisierung offenbarten diese dreißig Jahre vielmehr eine tiefe Entpolitisierung, ja ,Entideologisierung’. Das Wesentliche spielte sich in den Drugstores ab und man führte sich zum Spaß als Revolutionär oder als Befreier (ohne Proletariat und ohne Unterdrückung) auf und trug wie im Theater den mythischen Bericht von den Kämpfen des 19. Jahrhunderts vor.
Seit Ende der 70er Jahre verändert sich aber die ideologische Landschaft in Westeuropa grundlegend. Der Streit Linke-Rechte und die sich daraus ergebende Etikettierung mögen zwar die von der Öffentlichkeit immer mehr verschmähten Berufspolitiker nach wie vor entzücken; sie büßen aber ebenso wie die ,soziale Frage’ jegliche Intensität in den intellektuellen Kreisen und in der neuen politischen Kaste ein. Ein ,zentraler Block’ bildet sich um einen neuen Konsens; er umfaßt die Anhänger der Menschenrechte2, des Liberalismus und des Atlantismus und übersteigt im übrigen die bisherigen politischen Trennungslinien derart, daß im ‚sozialistischen’ Frankreich die jüngste ,Links’-Regierung der Motor dieses neuen Blocks war!
Die ideologischen und politischen Auseinandersetzungen der ‚Nachkriegszeit’ bezogen sich trotz scheinbarer Härte auf Fragen, die das europäische Überleben nicht unmittelbar gefährdeten; heute sieht es ganz anders aus...
Die Entkolonisierung erwies sich trotz dramatischer Intensität nämlich nicht als Katastrophe und stellte die europäische Macht oder Ganzheit nicht aufs Spiel; wir können sogar die Ansicht vertreten, daß Europa mit der Entkolonisierung sich die Mittel zu einem neuen Start gab. Ebenso brennende wie leidenschaftlich ausgetragene Streitfragen wie die Abtreibung, die Empfängnisverhütung, der Status der Frau, die Universitätsordnung betrafen eigentlich keine fundamentalen Themen und spiegelten eher symbolische und moralische Kämpfe wider. Die Auseinandersetzung um den Geburtenrückgang, den die Konservativen von damals auf die Abtreibung und die Empfängnisverhütung zurückführten, steht ihnen in nichts nach. Ebenfalls die unglaublichen Auseinandersetzungen um die beat generation (lange Haare, Popmusik, Drogen, ,kontestierende’ Jugend), die mit einer mächtigen politischen Spannung geladen waren und künstlich die Rechte gegen die Linke hetzten, stellen sich nun als völlig sinnlos heraus: sowohl diejenigen, die sich zur Verteidigung der bürgerlichen Werte dem Stil der neuen Generation widersetzten, als auch ihre ,Links’-Gegner — jene Anhänger der ,Kontestation’ und der ,Befreiung’, die illusionierten Träger ,subversiver’ Anschauungen — sind angesichts der Vergeblichkeit ihres Kampfes heute alle ernüchtert. Jene Generation, deren Ideologie damals sämtliche bestehenden Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen in Frage stellte, hat mittlerweile die Regierungsgeschäfte übernommen und erzeugt die spießbürgerlichste, die konservativste Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. (Diese Erscheinung erinnert an die Entwicklung im Rußland der zwanziger Jahre, als der leninistische Revolutionarismus die gerontokratischste und starrste Gesellschaft der Welt hervorbrachte.)
Die Gegner von damals haben sich nun um das gleiche Gesellschaftsmodell versöhnt. Was man als Sturmbock gegen die westliche bürgerliche Ordnung (die von der gesamten Linken unterstützte ,Revolte der Jugend’) auffaßte, war in Wirklichkeit ein phantastischer Anlauf zur Eingliederung in dieselbe Ordnung. Was die wirtschaftspolitischen Meinungsstreite (z. B. für oder gegen Verstaatlichungen) anbelangt, fallen auch sie auf das Niveau scholastischer Auseinandersetzungen zurück, da fast jeder — links und rechts — die allgemeine Legitimität bei Differenzen anerkennt, die nur Nuancen sind; da fast jeder jenes Aufeinanderprallen hinsichtlich der sozialen Revolution, der Diktatur des Proletariats, der kollektiven und sozialistischen Aneignung der Produktionsmittel endgültig vergißt. Diese ideologischen Gespenster sind endlich verschwunden, nachdem sie noch vierzig Jahre lang nach ihrem eigentlichen Tod das Bewußtsein der Eliten beherrscht hatten.
Alles hat sich geändert. Bei den neuen, sich abzeichnenden Debatten steht, wie bereits angedeutet, das Überleben unserer Kultur auf dem Spiel, und nicht mehr Detailfragen, überholte ideologische Symbole oder Anschauungsquerelen.
Die Problematik der Immigration und der mehrrassischen Gesellschaft, das mehr oder minder stillschweigende Wiederaufteten der Judenfrage, das unerwartete Anzeigen der UdSSR als des neuen Teufels durch eine Mehrheit von Intellektuellen und Politikern, der radikale Kreditschwund des marxistisch-leninistischen Kommunismus, die Re-Zentrierung der westeuropäischen Nation um den amerikanischen Atlantismus führten zu einer Neubestimmung der Kernfragen. Was jetzt auf dem Spiel steht, ist wieder wesentlich geworden. Die neuen Debatten werfen bezeichnenderweise stets die entscheidende Frage nach der europäischen Identität auf.
Die Debatte kehrt zu den entscheidenden Fragen paradoxerweise zu einem Zeitpunkt zurück, da die öffentliche Meinung unter dem doppelten Schock der ,Krise und der Hyperkonsumtion’ demobilisiert und auf den Individualismus des Privatlebens ausgerichtet, des Militantismus und des Engagements überdrüssig ist. Kein Vergleich also mit der vorigen Phase, wo eine überaus lebhafte Politisierung lediglich zweitrangige Debatten betraf.
Die Rückkehr des Politischen erfolgt in einer entpolitisierten Atmosphäre, weil der öffentliche Geist die Erinnerung an eine Zeit in sich trägt, da die Intensität der Politik nur auf dem Fehlen von Politik beruhte. Einige Zeit wird noch vergehen, bis die neuen Herausforderungen, die heute noch auf die ,Fachleute der Ideologie’ beschränkt sind, den schweren Körper des Volkes, den schwerfälligen Geist der Öffentlichkeit durchdringen und beleben.
Ist trotzdem nicht mitten in diesem unbeschränkten häuslichen Narzismus, hinter dieser allgemein festgestellten Gleichgültigkeit gegen öffentliche Fragen das Bedürfnis nach Verwurzelung zu erkennen, das den neuen Kernfragen innewohnt?
Die Rückkehr zu den Traditionen, die Suche nach der familiären und der regionalen Identität siedeln sich in den kollektiven Mentalitäten allmählich an, und zwar neben dem krankhaften Psychismus der Wohlstandsjahre, der ausschließlich auf die narzißtische Suche nach dem ökonomischen Ansehen ausgerichtet war, und neben der Verleugnung jeglicher Zugehörigkeit. Die in Europa herrschenden Meinungen — besonders nach der militärisch-politischen Zusammenziehung um die USA, nach dem ,Zweiten Kalten Krieg’ und der Aufstellung der amerikanischen Missiles (den konkreten Symbolen unserer Abhängigkeit) — offenbaren ebenfalls dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs eine immer größere Abneigung gegen die Paktgebundenheit, zugleich aber den Wunsch nach einer Neutralität Europas, also eine mehr oder minder zugestandene Sezession gegenüber den westlichen Verbindlichkeiten.
Nun aber pflichten die politischen Kreise (Linke und Rechte zusammen) dem amerikanischen Liberalismus, der atlantischen Abhängig keit gegenüber der NATO, einem Modell kosmopolitischer und ,plurikultureller’ Zivilisation (statt nationaler und europäischer Modelle) bei, und zwar merkwürdigerweise gerade in den Jahren, wo aus der Tiefe der europäischen Völker die Ablehnung des Okzidentalismus, des Amerikanismus und des Atlantismus sowie das Bedürfnis nach Identität und Selbstbehauptung hervorzuquellen beginnen. Mit anderen Worten: die letzten Jahre haben eine gewisse historische Scheidung zwischen den politischen Kreisen und den Bevölkerungen vollzogen, besonders aber in den von der amerikanischen Re-Zentrierung betroffenen Ländern: Italien, Bundesrepublik, Benelux-Länder, Großbritannien. Alles trägt sich so zu, als wenn wir einem Verrat unserer ‚Vorsteher’ beiwohnten, dem Aufkommen einer Spannung zwischen Völkern, die von der Verwurzelung angetan sind, und Führungskräften, die sich für den Kosmopolitismus entscheiden; zwischen Bevölkerungen, die (bewußt oder nicht) die europäische Identität wählen, und Berufspolitikern, die hauptsächlich darauf bedacht sind, bei dem amerikanischen Beschützer weiterhin in Gunst zu stehen und die Idee sowie die Sache einer europäischen unabhängigen Persönlichkeit sowohl auf politischer und geostrategischer wie auf kultureller Ebene zu leugnen. Diese sich auftuende Kluft zwischen den Völkern und ihren Führungskräften muß als positiv bewertet werden, vor allem wenn der wirtschaftliche Marasmus (Kräfteverfall) fortdauert. Diese Kluft birgt unerwartete revolutionäre Erhebungen in sich; Europa ist nicht, was manche Soziologen wie Lipovetsky3 auch denken mögen, unbedingt ad vitam aeternam aus der Ära der Revolution heraus.
Von den einzelnen Herausforderungen, die der europäischen Identität gestellt werden, möchte wir hier drei bedeutende festhalten: die mehr-rassische Gesellschaft als Herausforderung an unsere anthropologische Persönlichkeit, die Entkulturierung und der Verlust der Traditionen als Herausforderungen an unser kulturelles Gedächtnis, und die technomorphe Gesellschaft als allgemeine Herausforderung an unsere Kultur und unsere Psyche. Die strategischen und wirtschaftlichen Bedrohungen, die ebenfalls zu den neuen Herausforderungen gehören, werden an diesem Ort bewußt nicht berücksichtigt, weil das, worauf es am ehesten ankommt und was das übrige bedingt, nach unserer Überzeugung dem infrastrukturellen Bereich der kulturellen und ethnischen Identität, d. h. dem Bereich des Inneren, innewohnt.
II. Die Herausforderung der mehr-rassischen Gesellschaft
Die meisten europäischen Länder erwachten im Laufe der letzten Jahre plötzlich mitten in einer völlig neuen Gesellschaftsform — die sie zwanzig Jahre zuvor hätten voraussehen können, die sie aber nicht voraussahen — eine Form, die bislang den USA vorbehalten zu sein schien: die mehrrassische Gesellschaftsform als Folge der Entkolonisierung, der Einwanderung von Arbeitskräften und des unterschiedlichen Bevölkerungswachstums zwischen Nord und Süd. Erstmals in seiner Geschichte — zumindest im letzten Jahrtausend — wurde Westeuropa zum Gastgeber afro-asiatischer Minderheiten, deren Anteil ständig steigt. Die Erschütterung ist erheblich, und sie tritt in Frankreich am heftigsten zutage. Die Identitätsfrage wird mit einer noch nie dagewesenen Brutalität und Dringlichkeit aufgeworfen. Aber diese Herausforderung ermöglicht den Europäern — endlich —, sich der Natur ihrer eigenen Spezifität bewußt zu werden oder wenigstens darüber nachzudenken. Die Identität, die Stärke des Zugehörigkeitsgefühls und die Bedeutung des Begriffs ‚Staatsbürgerschaft’ beruhen selbstverständlich auf einer relativen ethnokulturellen Homogenität der Europäer; und daher müssen wir nach dem ,Wünschbarkeitsgrad’ der mehrrassischen oder plurikulturellen Gesellschaft fragen. Ein neues Zeichen immerhin: die öffentliche Debatte erörtert offen die (bislang tabuisierte) Frage nach einer eventuellen und wünschenswerten Rückkehr der Minderheiten in ihre Heimat. Meinungsbewegungen stellen sogar die Möglichkeit, die Bürgerschaft eines europäischen Staates zu erlangen, in Frage, wenn man keine europäische ethnokulturelle Herkunft hat4. Die mehr-rassische Gesellschaft weist nämlich zwei bedeutende Nachteile auf: zum einen ist sie eine ,mehrrassistische’ Gesellschaft, in der die Gettos, der Rassenhaß, alle möglichen sozialen Kämpfe ,blühen’, wie u. a. die USA, Brasilien, Südafrika es zur Genüge dokumentieren. Zum anderen kommt dieses Gesellschaftsmodell einer New-Yorkisierung Europas gleich, und zwar gemäß der Logik des planetarischen Okzidents, wo die Entwurzelung, der narzißtische Individualismus, die Durchmechanisierung und -merkantilisierung des Gesellschaftskörpers, der Verlust der kulturellen Identität die Regel ausmachen und den Begriff der Staatsbürgerschaft — für die Fremdstämmigen und die Einheimischen — abschaffen.
Die mehrrassische Gesellschaft zu beargwöhnen, ist heute ein Gebot: Weil wir jegliche Form des Rassismus verurteilen; weil wir der heute durchwegs pathogenen Vermassungsgesellschaft ein gemeinschaftliches Modell vorziehen und die europäische Kultur respektieren; weil jeder Mensch ein Recht darauf hat, eine Identität und eine Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die Problematik der mehrrassischen Gesellschaft rückt übrigens in den Mittelpunkt und wird zur wichtigsten politischen Frage des ausgehenden Jahrhunderts: die echten Herausforderungen, die neuen Trennungslinien werden nämlich immer weniger eine ‚Rechte’ und eine ,Linke’ gegenüberstellen (diese sozialökonomische Querele ist heute zweitrangig und überholt), sondern vielmehr die Anhänger des Kosmopolitismus und die der Identität, die nunmehr sowohl links als auch rechts zu finden sind.
Was in Europa als ‚Immigration’ bezeichnet wird, ist nach der Einschätzung Albert Sauvys nichts anderes als eine „bevölkernde Kolonisierung“ durch die fruchtbaren Länder Asiens und Afrikas. Wir lassen die Rückbewegung jener Kolonisierung über uns ergehen, die wir den anderen zugefügt haben. Wenn wir uns nicht vorsehen und unseren demographischen Rückgang nicht aufhalten, so wird Pierre Chaunu weiterhin behaupten können: „Deutschland ist zum Aussterben verurteilt, Deutschland weiß es aber noch nicht“, mehr noch, ein größerer Teil der Einwohner Europas, vornehmlich unter den Jugendlichen, wird zu Beginn des kommenden Jahrhunderts nicht mehr europäischen Ursprungs, wahrscheinlich auch nicht mehr europäischer ,Kultur’ sein. Letztere hat nämlich ihre ,enkulturierende’ Fähigkeit eingebüßt, und die eingewanderten Bevölkerungen werden die Wahl zwischen dem ,Maxi-Getto’ und der Amerikanisierung haben. Demnach läuft Europa große Gefahr, seine ethnokulturelle Identität zu verlieren; und dieser Verlust ist schlimmer als die Akkulturation, als den Kulturwandel durch Fremdeinfluß, denn er ist nicht wieder gut zu machen. In seiner ganzen Geschichte war Europa noch nie so in Gefahr, von der Bildfläche zu verschwinden, wie heute — und noch nie waren sich seine Führungskräfte dessen so wenig bewußt.5
Zu einem Zeitpunkt, wo wir uns — zweifelsohne zu Recht — von den Genoziden verwirrt und betroffen fühlen, die andere Völker zum Teil oder ganz treffen bzw. getroffen haben, bleiben wir gleichgültig und blind gegen den ethnischen, demographischen Genozid, der heute ganz Europa bedroht.
Die Anhänger der Assimilierung der nach Europa Immigrierten (sowie die ihrer Integration durch das Getto-System einer plurikulturellen Gesellschaft) wollen genauso verfahren wie die messianischen Bekehrer der Indianer, die nivellierenden Jakobiner und vor allem die Kolonisatoren des 19. bzw. des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit dem Unterschied allerdings, daß sie jetzt uns durchkolonisieren wollen. Es ist ein bitterer und tragischer Widerspruch der Geschichte, daß das ex-kolonisierende Europa heute an erster Stelle der endgültig zu kolonisierenden Völker steht. Und höchste Ironie: die afro-asiatischen Immigranten, die Söhne also derjenigen, die der Kolonialismus damals zu ethnozidieren begann und deren Identität er zerstörte, werden heute dazu benutzt, Europa um den Rest seiner Identität zu bringen, sind heute die Werkzeuge unserer eigenen ,Hyperverwestlichung’! Die mehrrassische Gesellschaft ist zugleich die Umkehrung und die Fortsetzung der kolonialen Gesellschaft; und die Vielrassigkeit ist eine Hypostase, eine Erscheinungsform des Kolonialismus. In beiden Fällen führt der Progressismus, das Fortschrittlertum, den Reigen, und wir können jetzt begreifen, daß der Kolonialismus lediglich das Kindesalter der Mehrrassen-Ideologie war. Im Unterbewußtsein der Progressisten und der Sozialdemokraten muß es doch irgendwo diese Wahnvorstellung — eine Mischung von Masochismus und Alterophobie6 — geben: Die Südvölker zu kolonisieren, zu verwestlichen und zu entkulturieren reichte nicht aus, wir müssen sie jetzt zu uns kommen lassen, damit wir zusammen in einer riesigen kulturellen Orgie uns gegenseitig ent-identifizieren. Wir, die die Träger eurer Entkulturierung waren, rufen euch jetzt herbei, damit ihr uns und euch entpersönlicht! Für den früheren Ministerpräsidenten Laurent Fabius, der hierin nicht nur Jules Ferrys Anschauungen und dem Geist der Französischen Revolution, sondern auch dem der amerikanischen Verfassung treu bleibt, ist, wie er kürzlich in einer Rede ausführte, die Republik dazu berufen, eine mehrrassische Gesellschaft und Nation aufzubauen, sind die religiösen, kulturellen, ethnischen Zugehörigkeiten und Identitäten nebensächlich7.
Die Ideologie, die die Vielrassenheit heute befürwortet und steuert, ist keineswegs neu — trotz ihres Anspruchs, es zu sein. Das Lehrgebäude der ,Republique francaise’ orientiert sich ausdrücklich an dem ‚nationalen’ Modell der zentralisierenden Monarchen, das auf der Zwangsangleichung der Volksgruppen und der Abschaffung ihrer Identitäten gründete. Die Kolonisierung der Volksgruppen durch den Zentralstaat, der überseeische Kolonialismus und die heutige Vielrassenheit bzw. Assimilation gehen in Frankreich wie von selbst ineinander über. Die gegenwärtige ,multikulturalistische’ Regierungsmacht setzt lediglich die Lehren ihrer Vorgänger fort. Paradoxerweise ist die französische Identität Opfer der französischen Ideologie ... Daß die mehrrassische Gesellschaft die Gettos schafft und den Rassismus institutionalisiert, wird durch den Umstand bekräftigt, daß ab einem gewissen Prozentsatz von ,Farbigen’ diese ihre Rassenautonomie fordern. Innerhalb der britischen Arbeiterpartei haben die Neger die Bildung einer ,schwarzen Sektion1 der Labour Party (einer echten Partei in der Partei) gefordert und erzielt (Daily Mail, 15. April 1985). Nach dem belgischen Beispiel, das angesichts des Flamen-Wallonen-Konflikts sämtliche Institutionen zu doppeln gezwungen ist, machen wir uns allmählich eine Gesellschaft zurecht, in der alle Bereiche auf die verschiedenen Rassen und Ethnien zugeschnitten sind. Es erübrigt sich zu sagen, daß das Gemeinschaftsgefühl sowie die Begriffe des öffentlichen Wohls und Dienstes darunter leiden werden, daß als soziales Bindemittel nur noch die kaufmännisch-vertraglichen Beziehungen ökonomischer Interessen8 bestehen werden.
Die mehrrassische Gesellschaft schafft es, den gewöhnlichen Rassismus und die gesellschaftliche Zersetzung mit der absoluten Herrschaft des täglichen Kosmopolitismus zu überlagern, und läuft darauf hinaus, alle menschlichen Beziehungen, die nicht auf dem materiellen Interesse beruhen, abzuschaffen. Die mehrrassische Gesellschaft, deren Wachstum mit der Verstärkung der liberalkapitalistischen Gesellschaftsform, dem Aufschwung der neoliberalen Theorien und der allmählichen Verdrängung der politischen Mächte durch die techno-ökonomischen im Westen zusammenhängt, ist ebenfalls eine Folgeerscheinung der ,Neuen Konsumgesellschaft’,9 die durch die Tribalisierung des Gesellschaftskörpers gekennzeichnet ist. Daraus ergibt sich, daß die einzigen ,warmen’ Gesellschaftsbeziehungen die privaten oder intra-ethnischen (intra-tribalen) Bindungen sein werden; was die Beziehungen und ‚Verbindungen’, die auf nationaler und makrosozialer Ebene erfolgen, anbelangt, sie werden immer kälter, anonym, technisch, merkantilisiert sein. Die mehrrassische Gesellschaft trägt also dazu bei, jenen pathologischen Zug der heutigen Bevölkerungen hervorzuheben und zu stärken: Zunahme der Vermassung und des anonymen Individualismus, Abstumpfung der bürgerlichen Bindungen und des gemeinschaftlichen Altruismus.
Denjenigen, die sagen: „Ganz recht! Wir werden unsere kulturelle und anthropologische Identität verlieren; na und? Eine neue universale Mischkultur entsteht. Warum sollen wir sie nicht annehmen?“ müssen wir nicht nur auf rationaler oder moralischer Ebene antworten. Wir müssen auch eine Gegenabsicht bekunden, das heißt den gleichen Wunsch, den gleichen Willen, den beispielsweise Afrikaner oder Araber äußern, wenn sie sich einem eventuellen Eindringen der Europäer widersetzen und ihrer vererbten Identität treu bleiben. So wie es normal und legitim ist, daß der Araber, der afrikanische Neger, der Japaner sie selbst bleiben wollen, daß der Afrikaner zwangsläufig ein Schwarzer oder der Asiat ein Gelber ist, so ist es nämlich legitim, natürlich und notwendig, daß dem Europäer das Recht zuerkannt wird, die Vielrassenheit zu verwerfen und sich als Weißer zu behaupten. Diesen Standpunkt als rassistisch zu bezeichnen ist eine empörende Zumutung. Die eigentlichen Rassisten sind vielmehr diejenigen, die in Europa an der Bildung einer mehrrassischen Gesellschaft arbeiten.
Seien wir logisch! Wir müssen die Ansiedlung farbiger Völker in Europa ebenso bekämpfen, wie der Kolonialismus bekämpft werden mußte, dem dieselben farbigen Völker einst durch die Weißen unterzogen worden waren — und zwar im Namen des Antirassismus. Die Geschichte zeigt nämlich, daß die Gesellschaften, die sich auf die Mischung oder brutale Nebeneinandersetzung weit entfernter Bevölkerungen gründen, letzten Endes solche Gesellschaften werden, die vom Geist der Rassenfrage (wie einst bei der sozialen Frage) geplagt werden, deren unabwendbaren Hintergrund der Massenrassismus, der Alltagsrassismus bilden — wie die USA oder Brasilien es zur Genüge belegen. Die nord- und südamerikanischen Gesellschaften erbringen den Nachweis dafür, daß die Assimilierung der einzelnen Ethnien zu einem gemeinschaftlichen und kulturellen Ganzen mißlingt und daß nur das hierarchisierte Nebeneinander der Menschengruppen fortbesteht. Glaubt man im Ernst, daß unser gegenwärtiges soziokulturelles Modell, das nicht einmal bei Alteingesessenen konsensuell wirkt, äußerst verschiedene Bevölkerungen wird verbinden können?
Im Namen des Antirassismus müssen wir also die mehrrassische Gesellschaft und ihre Verfechter verurteilen. Im Namen des Antirassismus müssen wir all diejenigen anprangern, die die Existenz der Rassen und Identitäten beseitigen wollen und deren Feinde ebenso der Stammeuropäer wie der auf seine Ethnie stolze Afrikaner sind. Die Anhänger des mehrrassischen Kosmopolitismus zielen in Wirklichkeit darauf ab, eine höchst rassistisch geprägte soziale Organisation der Welt zu gründen: Sie wollen eine planetarische Zivilisation mit westlich-amerikanischer Kultur errichten, wo die Weißen die Mischlinge und die Farbigen beherrschen (da letztere es schwer haben werden, sich in das ja ,weiße’ westliche kulturelle Modell einzugliedern), wo jedes Land einen heterogenen melting-pot darstellt, in dem eine verwestlichte Kaste herrschen wird. Es handelt sich genau um die weltweite Ausbreitung des rassistischen Modells der amerikanischen Gesellschaft. Teilen, um zu herrschen. Die Totalitarismen wollen auseinandergesprengte Gemeinschaften.
Aus Antirassismus, aus Achtung vor den Rassen und den Völkern ziehen wir diesem Modell das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker (und nicht umgekehrt) vor, das allein die Achtung vor dem Anderen garantieren kann. Man wird in Europa den afrikanischen oder den arabischen Menschen achten, wenn sie nicht mehr dazu aufgefordert werden, sich zu integrieren und damit als spezifizierte Menschen zu ,verschwinden’ oder in ihre Gettos zu flüchten, wenn sie als Fremde mit eigenem Vaterland, und nicht als Parias in Assimilationsnöten betrachtet werden können.
Infolge u. a. der Vielrassenheit vollzog der Rassismus — dieses Übel der egalitären Gesellschaften, das im Assimilationsbestreben der Menschenrechte mitenthalten ist — seit einigen Jahren eine imponierende Rückkehr in die öffentlichen Debatten. Auf niedrigst biologischer Ebene erörtern heute erklärte Rassisten (im Privaten, denn das öffentliche Bekenntnis wird, wie früher im Falle der Homosexualität, bestraft) oder professionelle Antirassisten die Problematik um die Identität der Völker. Die Rassenfrage erlangt also heute den gleichen Status wie die soziale Frage und in mancher Hinsicht wie die sexuelle Frage vor einigen Jahrzehnten. Und — tragisches Verhängnis — je mehr man den Rassismus ,tabuisiert’ und gegen ihn Gesetze erläßt, desto mehr wird er zur hintergründigen Norm aller Debatten und alltäglichen Verhaltensweisen ... Der Rassismus, bösartige Endstufe der zugrunde gehenden Identitäten, wirft seinen Schatten auf jeden von uns. Die Rassenfrage ist zum inneren Dämon der westlichen Welt nicht nur durch die Planetarisierung der Geschichte, die Abschaffung der Entfernungen oder die politischen Verfechter des Rassismus im 19. und 20. Jahrhundert geworden;10 die Rassenpsychose ist größtenteils der Sozialdemokratie anzulasten, die sich als antirassistisch bekennt, die aber historisch seit etwa hundert Jahren für den Kolonialismus, später für den unter dem Deckmantel der ,Entkolonisierung’ getarnten Neokolonialismus, schließlich für die Organisierung der Immigration und der mehrrassischen Gesellschaft in Europa anscheinend verantwortlich ist.
Das ist aber nicht alles: Ein weiterer Faktor wirkte bei der Ausbreitung der Rassenpsychose. Paradoxer- und logischerweise sind es die sogenannten antirassistischen Kreise und die militanten Humanisten, die mit ihrer obsessiven und pathologischen Anprangerung u. a. des ‚Faschismus’ und des ,Nazismus’ dazu beigetragen haben, diese Lehren in Gesellschaften wieder attraktiv und präsent zu machen, wo sie nach dem Krieg eigentlich verschwunden waren. Wir stehen hier einer der denkbar schönsten Erscheinungen sozialer Heterotelie gegenüber.
Hitler bleibt am Leben, als Mythos, dank dem Eifer seiner Widersacher, die seine Rückkehr phantasmagorisch immer wieder verkünden, obwohl er in den sechziger Jahren tatsächlich verschwunden war. Es vergeht kein Tag, ohne daß eine fragwürdige ‚historische’ Veröffentlichung über nazistische Untaten, ein werbender Fernsehfilm über die Deportation, den ,Holocaust’, den Widerstand usw. herauskommt. Die Faszination gegenüber dem Phänomen Faschismus-Rassismus-Nazismus wirkt sich auf die Medien aus, unter dem pädagogischen Vorwand, die Bevölkerungen dagegen immun zu machen, oft aber mit dem Hintergedanken, ein gutes finanzielles Geschäft zu machen, wie die skandalösen und zweifelhaften Affären um das /Tagebuch der Anne Frank’ (eine Fälschung) oder um den Film ,Holocaust’ es zeigen. Eine Psychoanalyse dieser vierzig Jahre danach immer heftiger auftretenden obsessiven Syndrome würde bei den pädagogischen Anprangerern der Dreiheit Faschismus-Rassismus-Nazismus ein Phänomen der Anziehung-Abstoßung aufdecken, den ununterdrückbaren Wunsch, ,darüber zu sprechen’, das Bedürfnis, eine Rassenpsychose und einen ausgeprägten Rassismus zwecks ihrer Erkennung (bei den anderen) sowie ihrer ständigen Verurteilung gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen und zu verdecken. Intellektuelle wie Jean-Pierre Faye, Bernard-Henri Lévy, Albert Jacquard, Andre Taguieff, Simone Weil verbringen ihr Leben damit, imaginäre Hitleristen oder die Rückkehr Mussolinis hinter der kleinsten neopoujadistischen Bewegung11 aufzustöbern, und sind eigentlich für die Verbreitung dieses ,arischen Mythos’ verantwortlich, für die ideologische ,Verrassung’ unserer Gesellschaft12 und für die Aufrechterhaltung von Hitlers Schatten in der Vorstellungswelt der heutigen Europäer.
Ein solches Syndrom ist mit dem vergleichbar, was für den Sex in den christlichen Kreisen vor nicht allzu langer Zeit galt. Die ,antimasturbatorischen Pfaffen’ unserer Bildungsanstalten, die Schirmherrinnen, die imaginäre Orgien anprangerten, oder die Familienväter als Homosexuellenaufstöberer (-fahnder, -riecher) waren von den imaginären Vorfällen, die sie verurteilten, stark angezogen und sorgten vor allem dafür, daß sie bei anderen faszinierend und verlockend wirkten. Der von dem Sex oder der Rasse, dem Antisemitismus oder der Päderastie Besessene verbreitet, indem er sein Psychodrama von Verdächtigungen und Tabus schafft, seine Besessenheit und seine Begierden und ermöglicht somit das Auftauchen einer Erscheinung, die er anscheinend verurteilt.13
Eine faszinierende Atmosphäre der ,Tabuisierung’ des Phänomens vornehmlich bei den jungen Generationen zu schaffen, war nämlich eines der wichtigsten soziologischen Ergebnisse, die B.-H. Lévy, A. Taguieff und Genossen (übrigens in der Folge von Hannah Arendt) mit ihrer Ankündigung von der Rückkehr des ,Ausschwitz-Geistes’ erzielten. Das ,Hitler-kenn-ich-nicht’ hätte gegen eine Wiedergeburt rassistischer oder faschistischer Lehren dadurch immunisieren können, daß sie in Vergessenheit oder in der Fadheit der Nostalgie untergegangen wären; statt dessen hat die ständige Warnung vor einer unmittelbar bevorstehenden Wiedergeburt der widerlichen Bestie — sachlich betrachtet — wieder neonazistische Sekten ins Leben gerufen. Auch die stupide Litanei über das Thema ,Es gibt keine Rasse’ hat selbstverständlich eine rassistische Gegenoffensive gefördert. Die Warnung vor dem ,großen-blonden-arischen-Nazi-Rassisten’14 ließ eine pathologische Faszination für diesen Mythos aufkommen, den man auszutreiben vorgab. Die Schriften eines Bernard-Henri Lévy15 zeugen von einer verdächtigen Faszination für die arische Thematik sowie von einem impliziten Protest gegen die Barbarität all dessen, was aus einer ,reinen’ europäischen Kultur hervorgehen würde.
Die Rassenpsychose der herrschenden Ideologien
Die unzähligen ermahnenden Reden über den Rassismus, den Faschismus, den Nazismus; die ständige Suggerierung der angeblichen Wiedergeburt eines Massenantisemitismus; die immer wiederkehrende stupide Assoziierung16 des blonden, gewalttätigen, rassistischen, rechtsradikalen Ariers mit seinem in der Gestalt eines Juden oder eines Südländers dargestellten Opfers tragen dazu bei, im öffentlichen Geist eine Art ‚negativen arischen Mythos’ zu pflegen und zu entfalten, der sich aber genauso wie der ,positive arische Mythos’ auswirkt. Eine Parallele kann diesbezüglich gezogen werden: So wie die westlichen und die Volksdemokratien bestrebt sind, sich zu legitimieren, ihre großartigen Pleiten in den Schatten zu stellen und das Blut, das ihnen seit 1945 an den Händen klebt, zu waschen,17 so findet unsere Gesellschaft kein Ende, ihren Sieg über Hitler und Mussolini zu feiern, und zwar um die gegenwärtigen Fragen zu verdecken, die sie konkret nicht lösen kann: ,Der Schoß der widerlichen Bestie ist immer noch fruchtbar’, so lautet — gemäß Brechts berühmter Formel — der gründende und legitimierende Mythos einer Gesellschaft, die sich selbst nur noch damit rechtfertigen kann, daß sie sich als Bollwerk gegen einen latenten, jederzeit erstehbaren, nie besiegten Faschismus-Rassismus-Nazismus aufstellt.
Der Mythos des latenten Faschismus schließt die Vorstellung in sich, daß die europäische — insbesondere aber die französische und die deutsche — Kultur vom Wesen her schuldig sei, solche ,Teufel’ hervorzubringen,18 und daß sie demnach unter Aufsicht bleiben und — durch den Kosmopolitismus — ihre kulturelle und ethnische Identität verlieren müsse. (Diesen Standpunkt vertritt ebenfalls die Kirche, die aus Moralität die Adoption außereuropäischer Kinder befürwortet oder die Rassenkreuzung ermutigt.) Dieser Mythos ermöglicht aber auch, die Schandtaten zu banalisieren und in den Schatten zu stellen, welche die westlichen, aber auch die kommunistischen Demokratien seit Dresden und Hiroshima immer wieder begangen haben: abgeschobene oder niedergemetzelte Bevölkerungen nach dem Krieg in Europa, Bürgschaft für die willkürlichen Annexionen der Sowjetunion, das sowjetische System der Gulags, unzählige Kriegsverbrechen durch die westlichen Demokratien und die kommunistischen Staaten bei sämtlichen Konflikten, die seit 1950 die Welt erschüttert haben usw. Kurzum, die seit dem Krieg einbalsamierte, sorgfältig gepflegte Leiche Hitlers kommt dieser riesigen ideologisch-politischen Bewegung, die als ,egalitär, humanitaristisch und demokratistisch’ zu bezeichnen ist, zugute. Sie umfaßt von den Kommunisten bis hin zu den Liberalen alle Mitwirkenden der sogenannten antifaschistischen ‚Front’, alle Erben des Judäo-Christentums, dessen Hände wenn auch trocken ebenfalls mit Blut befleckt sind. Hitlers Leiche dient dazu, den impliziten Totalitarismus dieser Bewegung zu legitimieren, die Tragweite ihrer Untaten zu bagatellisieren. Die letzten wären die von Israel im Libanon begangenen Kriegsverbrechen und Völkermordversuche, die wir aber entschuldigen müssen, weil sie die Tat der ,Auschwitz-Überlebenden’ sind.
Hitler ist noch nie so oft auf dem französischen Bildschirm erschienen wie seit der Machtübernahme durch die Sozialisten 1981. Diese Bombardierung durch die Medien hat natürlich eine ganz andere Wirkung als die angestrebte. Rassismus, Antisemitismus und Hitlerismus siedeln sich in der kollektiven Vorstellungswelt als dämonische Anwesenheit, als teuflische Mythemen an, die, selbst wenn sie nicht sofort verlocken, dennoch im Unterbewußtsein präsent bleiben.
Paradoxerweise sind es also die ,Anprangerer’ des Nazismus, die für dessen Fortbestand sorgten, ihn sogar in Form des Mythos verstärkten — und damit dem schaurigen Martin Bormann a posteriori Recht gaben... Die pädagomanische Wut, den Rassismus und den Antisemitismus selbst und vor allem dort, wo sie — glücklicherweise — nicht anzutreffen sind, zu verurteilen und zu verfolgen, kristallisiert endgültig deren Vorstellung im Volksbewußtsein. Manche Leute, die bislang zwischen einem Juden und einem Nicht-Juden keinen Unterschied (jedenfalls keinen größeren als zwischen einem Katholiken und einem Evangelischen, einem Bretonen und einem Antilleneinwohner) machten, erfuhren durch die Lehrer der Antisemitismusbekämpfung, daß der Jude möglicherweise kein Bürger wie jeder andere ist, die Judenheit keine Eigenheit wie jede andere darstellt und daß der Antisemitismus eine ,besondere’ (gesteigerte) Erscheinungsform des Rassismus ist. Otto Strasser und Edouard Drumont hätten sich nichts Besseres erhoffen können. Die seit Beginn der siebziger Jahre gestarteten obsessiven Feldzüge gegen den Rassismus und den Antisemitismus führten dazu, den Juden anzuzeigen und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ‚verrassen’.
Was die neonazistischen Sekten nicht schafften, wurde von den ,anti-rassistischen’ Kreisen und den Sektierern der Menschenrechte vollbracht. Es war zwar nicht ihre Absicht — das muß man ihnen lassen. Sie waren eher dumm als pervers. Im Bereich der politischen Propaganda ist die Dummheit aber unverzeihbar, weil sie zu den schlimmsten und unerwartetsten Ergebnissen führen kann. Diese Ergebnisse sind heute offensichtlich: der Antisemitismus greift — nicht nur in Frankreich — wieder um sich, und zwar um so schneller, als er die verdächtige Saftigkeit der verbotenen Frucht bekommt. Was den gewöhnlichen Rassismus anbelangt, erübrigt es sich sogar, auf seine Ausprägung hinzuweisen...
Über die Verblendung hinaus ist es dennoch möglich, bei den Professionellen des Antirassismus manche unklare Appetenzen zu entdecken. Die zahlreichen Schnitzer eines Albert Jacquard19 über die „blonden Arier“ und die „Immigranten, die wie Hunde reagieren“, die hitleromanischen Phantasmen eines Bernard-Henry Lévy, dessen letzter Roman eine Anthologie nazimorpher Obsession ist, das Toben eines Pierre-Andre Taguieff gegen den Hitlerofaschismus, den er hinter jeder Tür vermutet wie die alten Jungfern den Vergewaltiger — hat dies alles nicht mehr oder weniger mit einem verdrängten Wunsch zu tun? Eine negative Faszination freilich, die aber auf einen immer bedeutenderen Markt von Faszinierten trifft — da diese blühenden zweifelhaften Schriften angeblich zur besseren Darstellung der ,Nazi-Gefahr’ ihre ‚historischen’ Aspekte offenbaren wollen.
Der Antirassismus als Träger des Rassismus
Der rassistische Gedanke, der die Kraft und Form eines Archetyps erhalten hat, bleibt nun im Pantheon der Werte als möglicher Rückgriff. So wie die Christen Anlaß zu schwarzen Messen und dämonischen Kulten geben, so gaben unsere lieben Demokraten und unsere vom antirassistischen Fraternalismus Besessenen Anlaß zur Entstehung einer rassistischen ,Kultur’. In vielen Fällen schafft heute der Antirassismus den Rassismus, und nicht umgekehrt. Genauer gesagt: Indem der Antirassismus zu Unrecht und systematisch als ,rassistisch’ entweder durchweg klassische xenophobe Verhaltensweisen bezeichnet, bei denen der Rassenhaß ursprünglich nicht anzutreffen ist, oder alltäglich soziale Haltungen, die von jeglichem Rassismus frei sind, trägt er letzten Endes dazu bei, die besagten Verhaltensweisen wirklich rassistisch zu machen. Auch die von den besessenen Antirassismus-Jägern geschaffene Atmosphäre rassistischer Verdächtigung läßt die Farbigen vermuten, daß sie überall der Diskriminierung ausgesetzt sind, was sie soziologisch dazu bewegt, sich selbst auf rassistisch diskriminierende Weise zu verhalten.
Daraus ergibt sich der äußerst nachteilige Umstand, daß jede Behauptung von einer europäischen Identität Gefahr läuft, als ‚rassistisch’ diskreditiert zu werden. Und das ist überhaupt die Krone des Ganzen, da der Rassismus die Wertminderung des Anderen bezeichnet, und nicht die Selbstbehauptung. Es gilt also, als Anstifter zum Rassismus all diejenigen anzuzeigen, die eine Beziehung zwischen der durchaus legitimen Behauptung von einer europäischen ethnischen Identität und dem Rassismus herzustellen versuchen.
Alle Europäer leiden in unterschiedlichem Maße an Selbstbeschuldigung. Diese tritt bei antirassistischen Psychosen in Erscheinung, die sich der Medien und der Öffentlichkeit bemächtigen, sobald eine Affäre um einen Außereuropäer zum Gegenstand der gerichtlichen Chronik wird. Das antirassistische Drama nimmt pathologische Formen an und wirkt sich als eine Art krankhafte Autotherapie der Gesellschaft aus. Es geht darum, einen Dämon, den man in sich trägt, auszutreiben: indem man einen imaginären Rassismus (die Flut von sogenannten rassistischen ‚Verbrechen’ im Zusammenhang mit den alltäglichen Schlägereien) verurteilt oder indem man sich behördlicherseits weigert, die von den Außereuropäern begangenen Delikte zu bestrafen — aus Angst, der schweren Sünde verdächtigt zu werden. Dieses masochistische Syndrom verschärft noch den Massenrassismus.
Die politischen und ideologischen Kreise, denen es an der Entwurzelung der Europäer, an ihrem Identitätsverlust viel liegt, spielen eine besonders aktive Rolle bei der Verschärfung dieses Rassismus, und zwar gemäß einer doppelten Strategie: zum einen fördern sie die mehrrassische und kosmopolitische Gesellschaftsform, die die Gettos aufrechterhält sowie die Entwurzelung der In- und Ausländer pflegt; zum anderen rufen sie einen Volksrassismus hervor, indem sie die Behörden wie die Bürger dazu anregen, die Gesetze gegen die Fremdländischen nicht anzuwenden; indem sie mit subtilen Pressekampagnen Europäer und Fremde gegeneinander hetzen; kurzum indem sie sich ständig über den ,bösen Wolf auslassen, um eben den Wolf kommen zu lassen. Diese Strategie zielt darauf ab, die europäische Gesellschaft in eine Dublette der zugleich mehrrassischen und —rassistischen amerikanischen Gesellschaft zu verwandeln. Gemäß dem Beispiel der Amerikaner müssen die Europäer identitätslose Individuen werden, die in ihrem ethnischen Gefängnis eingesperrt sind, und durch die westlich-materialistische Lebensweise oder durch die ‚Kommunikation’ eines schwachsinnigen audiovisuellen Apparats verbunden werden sollen.
Wird man sich dieser Realität bewußt, so kann man die Problematik des Rassismus, so wie sie von offizieller Seite dargelegt wird, auf den Kopf stellen. Der Rassismus ist auf der Seite derer, die für Europa und eventuell für weitere historische Gebilde eine mehrrassische Gesellschaftsform anstreben; der Rassismus ist auf der Seite derer, die sich das Monopol für den Antirassismus anmaßen; der Rassismus ist auf der Seite derer, die Rassenzugehörigkeit und -bewußtsein, d. h. die Ethnizität der Weltvölker, entwerten, die die Rassen (ein nach wie vor unschätzbarer Reichtum der Menschengattung) zu beseitigen gedenken, indem sie sie auf die Stufe bloßer individueller biologischer Kategorien, auf die Stufe bloßer ethnographischer, oberflächlicher ‚Kuriositäten’ erniedrigen wollen. Der Rassismus ist auf der Seite derer, die uns weismachen wollen, daß die Anerkennung des Rassenkomplexes und der ethnischen Identitäten zum xenophoben Superioritätskomplex führe — während in Wirklichkeit die Verachtung der anderen Rassen, der Superiorismus wie der Rassenhaß in Gesellschaften egalitärer Nebeneinanderstellung der Rassen (USA) aufkommen. Kurzum, der Rassismus ist auf der Seite derer, welche die im biokulturellen Sinne aufgefaßte ethnische Identität zugunsten von falschen, entkulturierenden und primitiven Zugehörigkeiten entwerten: rein politische Modelle (,westliche Demokratie’, ‚Zivilisation der Menschenrechte’ usw.) oder — schlimmer — ökonomische (,Sozialismus’, ,Freie Welt’ usw.).
Der echte Widerstand gegen den Rassismus bedingt vielmehr, daß die Bekräftigung des ethnischen Bewußtseins und der ethnischen Tatsache von allen Völkern, auch von dem eigenen, als legitim anerkannt wird. Das Recht auf Identität bedeutet für ein Volk auch das Recht auf eine relative ethnische Homogenität und das Recht auf eine Territorialität, das heißt auf eine Souveränität über eine politische Einheit, so daß die Ethnizität und das unabhängige territoriale Gebilde eindeutig zusammenfallen; das Recht eines Volkes auf Identität ist nämlich nicht gewährleistet, wenn es innerhalb einer umfangreichen politischen Einheit mit anderen Minderheiten zusammenlebt und wenn es nicht die Souveränität über ein Gebiet hat, in dem seine Ethnie am meisten vertreten ist. Eine Nebeneinandersetzung von Ethnien im Rahmen einer ‚Makrogesellschaft’ führt systematisch zu einem sozialen Mosaik, wo die Gettos, der Rassenhaß, der kulturelle und religiöse Haß herrschen. Die USA, der Libanon, die westafrikanischen Länder, Südafrika, die Sowjetunion machen die Schädlichkeit des ethnischen Zusammenlebens anschaulich und bringen tribalisierte Nationen zur Schau, wo der Innenkolonialismus herrscht.
Die Ethnizität als Mittel gegen den Rassismus
Eine der negativsten politischen Nachwirkungen, die die Vielrassigkeit und der ihr innewohnende Rassismus verursachen, ist die Verschärfung des antiarabischen Rassismus20. Dieser, als unmittelbare Folge einer starken arabisch-moslemischen Präsenz in Westeuropa, kommt bestimmten politischen und strategischen Interessengruppen zugute; denjenigen nämlich, denen viel daran liegt, jegliche euroarabische Zusammenarbeit auf längere Sicht zu verhindern. Eine groß angelegte euroarabische Freundschaftspolitik gefährdet zum einen die Interessen des amerikanisch-sowjetischen Kondominiums im Mittelmeerraum. Die Wiedergeburt des Islams — das bedeutendste politische Ereignis in der Welt seit 1945 — stört zum anderen erheblich die Strategie des Zionismus, dessen antiarabische und -moslemische Politik sich anläßlich der libanesischen Tragödie im rechten Licht gezeigt hat. Es ist kein Zufall, wenn der antiarabische Rassismus zu einem Zeitpunkt wieder zunimmt, wo dieses ,arme’, geteilte, von den Blöcken unterworfene Europa — im Westen — um den Atlantismus, den Amerikanismus und den Zionismus neu angeordnet wird.
Die Anhänger eines aggressiven antiarabischen Rassismus, genauso wie die angeblichen Antirassisten, die — ohne Araber zu sein, sich das Recht anmaßen, sie zu ‚beschützen’, und die mit viel Geschick zur Vielrassigkeit ,anstiften’, um dafür eine antiarabische Verwerfung hervorzurufen — sind die gleichen, die die Idee eines amerikanischen Europas verfechten, die den israelischen Imperialismus unterstützen, die die Palästinenser oder moslemischen Aktivisten als Kriminelle hinstellen, die kurzum alles daran setzen, um die Europäer von den Arabern zu trennen. Sie wissen nur zu gut, daß eine euroarabische Solidarität, eine weltweit auf die arabische und die europäische Einheit angelegte Politik mit dem Zusammenleben mehrerer Kulturen unvereinbar sind und daß man die Regel ‚Jeder an seinem Herd’ übertreten muß, wenn man die Freundschaft zwischen zwei Völkergruppen lösen will. Was für die Araber gilt, gilt auch für sämtliche Völker der Dritten Welt: die Anhänger der mehrrassischen Gesellschaft treiben die europäischen Bevölkerungen zu einer Logik des Hasses auf alle, die im 21. Jahrhundert unsere Verbündeten gegen die beiden Blöcke werden müßten. Sie wollen uns auf den Weg der USA zwingen, dieser riesigen mehrrassischen Gesellschaft, deren gesamte Politik auf der Logik des Antagonismus zwischen Dritter Welt und westlichem Imperialismus aufgebaut ist.
III. Der Ethnozid der Europäer
Neben der Gefahr der mehrrassischen Gesellschaft und dem Verlust ihrer anthropologischen Identität betrifft die zweite Herausforderung, mit der sich die europäische Zivilisation auseinanderzusetzen hat, die Aufgabe der eigenen Kultur und der Verzicht darauf, sich eine neue zu geben.
Die Hintansetzung der deutschen und der griechischen Kultur
Deutschland symbolisiert im heutigen Europa die Verdrängung aus dem Erbe, die systematische Entkulturierung, die Untreue gegenüber der Herkunft. Das von beiden Jalta-Komplizen auseinandergenommene Deutschland war das Labor der Amnesie, ein Symbol für den gemeinsam von dem sowjetischen Rußland und dem amerikanischen Westen gestarteten Versuch einer Auslöschung der europäischen Identität. Das Vaterland Goethes, Mozarts, Hölderlins wurde zur Figur des europäischen kulturellen Martyriums, wurde der Ort, wo sich die vorsätzliche und programmierte Zerstörung der kulturellen und nationalen Identität am wirksamsten herausgestellt hat. Darum wird möglicherweise aus Deutschland der stärkste Widerstand gegen diese identitäre Entwurzelung hervorgehen; eine Bewegung, die vielleicht zur Volksbewegung werden und das übrige Europa nach sich ziehen wird; selbst wenn besagte Bewegung historisch von den französischen und italienischen intellektuellen Eliten der ‚Neuen Rechten’ ausging. Der Verlust der kulturellen Identität, der den Europäern droht, sowie der Versuch, sie um ihre Herkunft — insbesondere ihre ‚griechische’, ‚homerische’ — zu bringen, bildet die akuteste Gefahr, uns aus der Geschichte zu verdrängen, an uns einen endgültigen Ethnozid zu begehen, und zwar mit einer schrecklicheren Wirksamkeit als die politisch-militärische Neutralisierung oder die wirtschaftliche Kolonisierung, denen wir ebenfalls zum Opfer gefallen sind.
In seiner Einführung in die Metaphysik erklärt Heidegger, daß ein Volk in die Geschichte mit der Poesie eintritt, die seinen logos und seine Sprache gründet und die es gleichzeitig als Volk gründet. Und wir Europäer, erklärt er ferner, begannen mit den vorsokratischen und homerischen Dichtern bzw. Philosophen als solche zu existieren. Was spielt sich aber heute ab, welche Bedeutung kommt dem kulturellen Krieg zu, der Europa gemacht wird, damit es als solches zu existieren aufhört — wenn nicht der Versuch, in unserem Gedächtnis Parmenides, Heraklit und Homer durch die Bibel und die Propheten zu ersetzen?
Deutschland und die deutsche Kultur sind natürlich den heftigsten Angriffen ausgesetzt, sofern sie ,am griechischsten’ sind, sofern sie zum metaphysischen Volk, dem philosophisch ‚hütenden’ Volk Europas, dem geopolitischen Volk der Mitte gehören.
Die deutsche Kultur, ihre Philosophen und vor allem ihre Dichter in den riesigen lauwarmen Ozean der westlichen Zivilisation (d. h. des Sammelsuriums, das in den USA seit hundert Jahren zustande gekommen ist) zu versenken, das ist die Garantie dafür, daß sich die Deutschen und die übrigen Europäer affektiv nicht mehr auf ihr Erbe berufen werden, daß ihr Gedächtnis nicht mehr in ihrem Erbe wurzeln wird, sondern in der Kaugummi-Kultur der amerikanischen Cowboys, Rocker, Pastoren oder Trucker. Die Deutschen und die Europäer werden endgültig zu existieren aufgehört haben, wenn sie die Überzeugung gewonnen haben, daß sie die Söhne der ‚Menschheit’ seien, daß ihre Kultur ebenso von Hollywood und Milton Friedman wie von Parmenides oder Hölderlin herstamme.
Nach Bernard-Henry Lévy dozierte Jacques Attali, der Berater von Präsident Mitterrand, daß es „keine europäische Identität gibt“. Die Verbissenheit, mit der manche Kreise jegliche Bekräftigung einer spezifischen Kultur und Anthropologie unterbinden, erscheint als eine neuere gesellschaftspolitische Erscheinung von besonderer Bedeutung. Europa existiert nicht, sagen sie, Europa ist nur die ,B-Zone’ des Westens. Europa hat überhaupt niemals existiert, es ist lediglich das Produkt von Kreuzungen, von melting-pots. Die Hervorhebung des trügerischen Umstands, daß Europa stets kosmopolitisch gewesen sei und eigentlich zu keiner Zeit eine, seine Spezifität gefunden habe, zielt natürlich darauf hin, die augenblickliche Zerstörung unserer Identität durch den Kosmopolitismus als normale und positive Fortsetzung dessen hinzustellen, was seit jeher gewesen sei.21 Der ‚Identitätskrieg’ beherrscht demnach unsere Jahrhundertwende. Es handelt sich um einen kulturellen, politischen, geopolitischen, anthropologischen und vor allem ideologischen Krieg. Für oder gegen die Identität? So lautet die ,große’ Frage, die heute, ausdrücklich oder nicht, sämtliche ideologischen Debatten beseelt. Seitdem die französische ,Nouvelle Droite’ als Losungswort das ,Recht auf Verschiedenheit’ verlangte, wurde dieses überall aufgegriffene Thema zu einem der Dreh- und Angelpunkte der neuen Gruppierungen und Debatten. Da sie diesem ,Recht auf Verschiedenheit’ nichts entgegenzusetzen hatten, versuchten allerdings die Gegner der Identität der Völker, die Anhänger des Kosmopolitismus, die ja zugleich die Erben des Individualismus, des Liberalismus und der sogenannten Menschenrechte sind — es auf recht geschickte Weise von innen zu neutralisieren. Wie? Indem sie es als Recht auf individuelle Verschiedenheit auffaßten.
Aus der Sicht einer identitären Ideologie der Verwurzelung kann eine derart verzerrende Auffassung der ‚Verschiedenheit’ überhaupt nichts werden. Die u. a. von dem Genetiker Albert Jacquard22 verfochtene Lehre von der individuellen Verschiedenheit liegt allen Gesellschaften, die nichts anderes als Mosaiken und tribalisierte Additionen von Gettos darstellen, zugrunde und befindet sich genau in der Linie der heute voll im Angriff liegenden okzidentalistisch-amerikanischen Ideologie. Das Recht auf Verschiedenheit ist unter dem Aspekt einer gemeinsamen Verschiedenheit aufzufassen. Das ,Recht auf Verschiedenheit’ ist in erster Linie das Recht auf Zugehörigkeit, Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft.
Das Dogma von der Einheit des Menschengeschlechts
Zu den Dogmen des jüdisch-christlichen Universalismus, die die Identität der Völker besonders gefährden, gehört das von der Einheit des Menschengeschlechts, wobei letzteres als metaphysische Substanz begriffen wird. Diese Idee der einzigartigen Menschheit (eine Addition von Individuen und Kindern desselben Gottvaters), die anormale und nur vorläufige Zugehörigkeiten verwerfen soll, rührt von der biblischen Menschenauffassung — einer offensichtlich ethnozidären und totalitären Auffassung — her. Die biblische Argumentation drängt eine Weltanschauung auf, wo das Absolute gegenüber den besonderen Vorstellungen entscheidend ist, wo die Betrachtung vom Allgemeinen zum Besonderen — bei ausbleibender Wechselbeziehung — führt: das Besondere befindet sich stets in einem entwerteten Unterhalb. Diese der Weltanschauung der europäischen Paganismen völlig entgegengesetzte Argumentation „leitet das, was wir über das Besondere wissen können, von dem ab, was wir über das Absolute wissen sollen“23 — ihr wird jedoch gegenwärtig von der gesamten Biologie, Anthropologie und Physik widersprochen. In der Genesis und in der Lehre der Kirchenväter gründet sowohl dieser ethnozidäre Mythos von der Einheit des Menschengeschlechts wie auch der Archetypus eines universalen Menschen (einer monogenetischen Wesenheit aus demselben Stamm); und dieses Modell führt zur Entwertung der Identitäten.
Der Rassismus, kennzeichnende Haltung der egalitären und entwurzelten Gesellschaften, gründet u. a. in diesem biblischen und christlichen Begriff von der Einheit des Menschengeschlechts. In der Tat: Selbst wenn die Besonderheiten der einzelnen Menschengruppen zugunsten eines ‚neutralen’ und ‚allgemeingültigen’ Modells (die Menschheit, die göttliche Filiation, der adamische Mythos usw.) herabgesetzt werden, bleibt dennoch dieses als überlegen geltende Modell, nach dem sich zu richten alle aufgefordert sind, das Modell einer geoffenbarten Wahrheit, die ursprünglich nur einer Minderheit eigen war: das Gesetz Jahwes, die Lehre der Kirche und heute, in der Folge, die Zivilisation des jüdisch-christianisierten Westens.
Das ,Recht’ aller Menschen auf die christliche Taufe und später auf die ‚Zivilisation’ (Ideologie der Menschenrechte) zu bekräftigen, heißt also implizit zugeben, daß ihr eigenes ethnisch-kulturelles Modell unterlegen ist und daß sie sich an dem Minderheitsmodell der Bibel, dann des Okzidents zu orientieren haben. Wenn der jüdisch-christliche Universalismus tatsächlich der Nährboden des Rassismus (sowohl der Assimilation wie auch der Superiorität) ist, so müssen sich die Europäer heute dessen bewußt werden, daß ein solcher Rassismus, wenn er einst zu ihren Gunsten und auf Kosten der kolonisierten Völker arbeitete, heute infolge einer ironischen Umkehrung eben gegen die europäische Identität wirkt, die ihrerseits zugunsten der mehrrassischen (d. h. der arassischeri) Gesellschaft und des kulturellen Zusammenbrauens eines planetarisch gewordenen Okzidents verschwinden soll. Auch wenn Blandine Barret-Kriegel zu Recht behaupten konnte, daß „die Vorstellung vom Menschen biblisch ist“24, müssen wir sofort hinzufügen, daß diese Vorstellung rassistisch und für die in ihrem Namen begangenen Geno- und Ethnozide verantwortlich ist und daß diese Vorstellung auf keiner Tatsache beruht. Der Gattungsbegriff ,Mensch’ ist nämlich nicht menschlich; er ist zoologisch. Das gesamte paganische Denken (hierbei von der Ethologie und der Anthropologie bestätigt) betont dagegen, daß die Völker und die Menschen, die hauptsächliche Realität der menschlichen Erscheinung, eine biokulturelle und nicht mehr zoologische Realität darstellt, daß die Kulturen und die Personen sich selbst bauen, indem sie der rein tierischen Realität einer ‚Menschheit’ entgehen. Letztere fassen die Genetiker übrigens immer mehr als polygenetisch auf; das heißt, daß sie auf mehrere genetische, vor der Homo-sapiens-Stufe differenzierte Quellen zurückgeht und daß sie gleich den übrigen lebenden Gattungen dazu berufen ist, sich zu differenzieren und zu stauden.25
Robert Jaulin,26 Edmund Leach und viele andere hoben hervor, daß die modernen Totalitarismen, die Ethnozentrismen, die Alterophobie (Negierung der Identität des Anderen durch Angleichung an sich selbst) ihren Ursprung in dem biblischen Universalismus und seiner progressistischen Auffassung der Geschichte (Eschatologie zur Abschaffung der Unterschiede) hat und daß das heutige Europa paradoxerweise den Ideologien zum Opfer fällt, die es verehrt und zur Unterwerfung der anderen benutzt hatte. Der Biblismus, der dem Anderen (dem Heiden oder dem Moslem) seine Religion verwehrte; der Jakobinismus, der die Legitimität der ethnischen Partikularismen bestritt; der progressistische Okzidentalismus, der im Namen der Menschenrechte (weltliche Version der christlichen Nächstenliebe) die Indianer von ihrer Indianität und die Afrikaner von ihrem Tribalismus ,befreien’ wollten, kehren nun ihre ethnozidäre Logik gegen die Europäer selbst; ihnen spricht heute dieselbe Ideologie das Recht auf Bekräftigung ihrer kulturellen Identität ab, das Recht auf Bewahrung ihrer Ethnizität und sogar ihrer politischen Souveränität.
Der Okzident ist schon deshalb ethnozidär, weil er bekehrungssüchtig ist und weil diese Proselytenmacherei die tragische Verbindung des früheren expansiven Dynamismus der Europäer mit dem jüdischchristlichen Universalismus ist. Die westliche Zivilisation, die sich als moralische Lehre, als Pastoraltheologie versteht, begann mit der Christianisierung Europa zu entkulturieren. Es wundert also nicht, daß dieses okzidentalisierte Europa — als Stätte des sogenannten Eröffnungsethnozids — und seine Verlängerung (UdSSR-USA) den anderen den gleichen Ethnozid zufügt, den es selbst aussteht.
Da sich nun aber der planetarisch werdende Okzident gegen seine Geburtsstätte Europa wendet, erfahren die Europäer sozusagen ihren zweiten Ethnozid. Der erste war das Werk der Christianisierung (Einführung einer dem lokalen Heidentum fremden Mentalität); der zweite war das Werk der Okzidentalisierung, der gegenwärtigen Mondialisierung, mit ihrer doppelten Logik der endgültigen Identitätszerstörung: mehrrassische Gesellschaft und Amerikanisierung. Der erste Ethnozid, welcher der Einbürgerung des Christentums entsprach, war nicht völlig zerstörend, weil das religiöse Zeitalter des Christentums, vor allem mit dem Katholizismus, ein Synkretismus europäischer und heidnischer Werte war. Das ‚christliche’ Europa blieb Muropa, wenn auch eingeschränkt. Der zweite dagegen ist mit einem radikalen Identitätsverlust gleichzusetzen, da wir das Judäo-Christentum in seiner Vollendung, d. h. die eigentliche Essenz des Biblismus erdulden: den Aufbau der Weltkirche in Form der entwurzelten Welt-Gesellschaft.
Im Hinblick auf den zweiten Ethnozid schreibt Pierre Berard: „Die Verstoßung des Anderen stellt die offensichtlichste Äußerung von Alterophobie dar. Der Ethnozentrismus äußert sich aber auf eine subtilere, da anscheinend weniger polemische Weise; es handelt sich um die Negierung des anderen durch Angleichung an sich selbst. Die negierende Handlung stellt hier den Anderen als nicht-fern, als identisch hin, so daß die Möglichkeit, das Problem der Verschiedenheit zu erörtern und die Identität sowie die Originalität der anderen Kultur nicht mehr gegeben ist. Diese Halluzination, sofern man sich in der Andersheit spiegelt, sich in dem ,Anderen’ sieht, hat mit ,externer Autoskopie’ zu tun. Ideologisch gesehen wird sie von einer noumenalen, einer bloß gedachten Auffassung der Menschheit hervorgerufen.“ Pierre Berard ist der Ansicht, daß das christliche Aufpfropfen auf die heidnische europäische Kultur eine entkulturierende Wirkung hatte und eine ‚synkretische’, unbeständige Kultur hervorbrachte, aus der wir heute austreten müßten. Er schreibt dazu: „Die Trümmer der heidnischen Kultur strömten in das ,Unterbewußte’ des Gesellschaftskörpers zurück, während sich ein christliches ,Über-Ich’ schichtweise bildete und seine egalitären, universalistischen Werte in immer stärkeren Dosen in die Zivilisation des Abendlands injizierte. Heute wird das kollektive Über-Ich in dem Maße zwingender, wie es die parusischen Forderungen seiner Anfangszeit entdeckt.27“
Demzufolge stellt der okzidentale Biblismus und die Ideologie der Menschenrechte die Indianität und die Europänität als Hindernisse für die Würde des indianischen oder europäischen Individuums hin. Erst wenn es sich seiner ethnischen und kulturellen Identitäten entäußert, wird es die Menschenwürde erlangen. Genauer gesagt: Erst wenn es das okzidental-jüdisch-christliche Modell annimmt und dem biblischen Universalismus huldigt, wird es nicht mehr unrein sein, wird es wirklich ein Mensch werden.
Die Menschen werden aufgefordert, ihre Bindungen an ihre Heimat, ihr Vaterland, ihre Ethnie aufzugeben, damit sie überhaupt als Menschen anerkannt und gerichtet werden können. „Der jüdische Universalismus“ schreibt Robert Jaulin, „sowie seine kulturelle Nachkommenschaft (darunter das Christentum) unterscheidet sich von den anderen Zivilisationen grundsätzlich darin, daß Gott als Herr seiner Kosmologie sich nicht in die irdische Welt, in die Organisation der Staaten, der Orte einträgt.28“ Alain de Benoist vertritt den gleichen Standpunkt. „Für Jahwe sind die Unterschiede zwischen den Menschen und den Völkern vorübergehend nebensächlich und überhaupt oberflächlich.29“ Wie Gerard Hervé30 weist Pierre Berard nach, daß die biblischen Propheten („Aller Völker sind vor ihm nichts und gelten ihm als nichtig und eitel“, Jesaja 40-17; und Paulens : „Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen“, Galater 3-28) die ethnischen und kulturellen Unterschiede unter den Menschen auf eine Strafe Gottes zurückführen und ,eine Welt ohne Unebenheiten’ herbeisehnen; und damit rechtfertigen sie den tief gründenden biblischen und jüdisch-christlichen Haß auf die Reiche (Imperien) und die Legitimität der Ethnozide, ja sogar der Genozide...
Der Prozeß des Identitätsverlustes und des Ethnozids gründet aber nicht ausschließlich auf der Entwurzelung und Dekulturation. Er stützt sich ebenfalls auf eine Philosophie der Geschichte sowie auf eine besondere Auffassung des Zeitlichen.
In der linearen Betrachtung der Zeit, die von der im Westen herrschenden Ideologie vertreten wird, ist der zentrale Begriff der Identität gefährdet. Diese Auffassung der Zeit trug u. a. dazu bei, die Akkulturation, die Entwurzelung und die Amnesie der Völker, auf die sie angewandt wurde, zu beschleunigen. Die progressistische Betrachtung der historischen Zeit (eine jüdisch-christliche Anschauung) stellt die Vergangenheit als ein endgültig Abgeschlossenes dar, das vergessen werden muß. Die Tradition wird nun zu einem sinnlosen Begriff, da eine Tradition ja nichts anderes ist als eine lebendige Vergangenheit, die innerhalb der Gegenwart wirkt und von dieser kristallisiert wird. Ausschließlich nach theologischen oder politisch-weltlichen Parusien orientiert, wurden die Europäer stets dazu bewogen, ihre Vergangenheit, also ihre Identität zu vergessen. Wenn man heute z. B. von der Unabwendbarkeit einer kosmopolitischen und amerikanisierten Gesellschaft überzeugen will, entkräftet man die europäische Vergangenheit gegenüber dem, worum es angeblich einzig geht: das messianische Warten auf eine ,tischgenossenschaftliche’, rassengemischte und multinationale Welt. In dieser linearen Betrachtung wird die Persönlichkeit der Völker — die an ihrer Vergangenheit und an nichts anderem zu messen ist — für überholt und unbedeutend erklärt; es zählt nur noch das zu erreichende ,Ziel’ ab dem Nullpunkt, ab der ,neutralen Gegenwart’, die das Heute darstellt.
Die Krise der Weiblichkeit und die Verweiblichung des Mannes
Aber nicht nur der Ethnozid, der Kulturkrieg und der westliche Progressismus bewirken die Entidentifizierung der Europäer. Zu den gegen uns eingesetzten ideologischen und kulturellen Waffen kommt eint physiologische Auflösung unserer Persönlichkeit. Um ihr historisches Gedächtnis gebracht, sind unsere Zeitgenossen nicht mehr darauf bedacht, ihre Stammlinie zu sichern. Sind der Anblick leerer Wiegen und der dramatische Widerspruch einer Gesellschaft, die der Jugend niedrig schmeichelt und unter der toten Last der Greise zusammenstürzt, nicht etwa das überzeugendste und tragischste Zeichen des Europessimismus?
Im ausgehenden 20. Jahrhundert taucht die Frage nach dem demographischen Überleben mit aller Wucht auf. Mitten im technischen Zeitalter, mitten im dumpfigen Zeitalter des bürgerlichen Überflusses quält die Rückkehr des rein Biologischen unser Bewußtsein. Trotz der durchaus antinatalistischen herrschenden Ideologie durchdringt der Notruf der Demographen die Mediensperre: Europa erzeugt nicht mehr genug Kinder. Eine alternde, gegenwartsbezogene Gesellschaft, die von der Illusion einer unnatürlichen Jugendlichkeit besessen ist, gibt sowohl ihre Traditionen als ihre historische Zukunft auf. Dadurch wird die Bedeutung der Frau umso mehr unterstrichen. Die Frauenproblematik und —mythologie beherrschen die Jahrhundertwende. Das Bild der Frau ist das neue Rätsel, das neue Epizentrum des europäischen Bewußtseins. Die Frau steht mit auf dem Spiel: sie schenkt das Leben und sorgt für den demographischen Fortbestand; sie ist aber auch diejenige, die die Werte weiter gibt. In einer identitätsgefährdeten Zivilisation kommt der (kulturellen und biologischen) Frauenfrage eine große Bedeutung zu.
In dem zerrissenen Bewußtsein des von seinem eigenen Untergang geplagten europäischen Menschen bekommt der Verlust der Frau und ihre mögliche Zurückeroberung heute eine tragische, zentrale Bedeutung. In der Volksvorstellung beheimatete Bilder, wie die angebliche Neigung der europäischen Frau zum Nicht-Europäer, ihre Unfruchtbarkeit gegenüber der Immigrantin oder der Frau der Dritten Welt, die ebenso sexuelle wie sozial wachsenden Forderungen der Frauen gegenüber den ihrer Virilität enthobenen Männern, bestätigen das dramatisch aufkommende Unbehagen des europäischen Mannes gegenüber der europäischen Frau; ein Unbehagen, das die Bedeutung der weiblichen Funktion in unserer niedergehenden Zivilisation erhöht und Julien Freund zu dem Ausspruch bewegt, daß wir „von der Ära der Anthropologen zu der der Gynäkologen“ übergegangen sind. Der Mythos von der höheren Virilität des afrikanischen Mannes, der Anspruch der europäischen Frau auf Nicht-Befruchtung und Selbständigkeit (Überreste des ‚Feminismus’), das Aufkommen neuer sexuellen Sitten, die auf den weiblichen Organismus und seine Forderungen gelegte Bedeutung (und damit implizit auf die mögliche Impotenz des in seinem Stolz verletzten Mannes, der sich nun ,bewähren’ muß), all dies trägt dazu bei, eine Atmosphäre des Verdachts gegen die europäische Frau zu schaffen: sie soll ihrer sexuellen Treue, ihrer biologischen und genesischen Pflicht, ihrer Aufgabe, die traditionellen Werte weiter zu geben, ‚zuwidergehandelt’ haben31.
Dieser Verdacht gegen die Frau, eine subtile Mischung von chronischer Misogynie und Gynäkomanie, wohnt, begründet oder nicht, nunmehr dem gestörten Bewußtsein des verletzten Europa von heute inne. Die pornographische Überfülle (,Busen auf der ersten Seite!’), die für alle unsere Medien kennzeichnend ist, wirkt zugleich als Kompensation und als Verstärkung der gegenüber der Frau empfundenen Frustration. Diese kennzeichnet die Psyche des europäischen Mannes, der von der Scheidung und der Ehelosigkeit, ja sogar von der Sterilisation und der Homosexualität gequält wird.
Die vermännlichte, auf der Suche nach ihrem sozialen Status befindliche europäische Frau, von der letzten Endes die Fortsetzung der biologischen Stammlinie abhängt, sieht, wie die traditionellen Merkmale der ‚Weiblichkeit’ gerade zu dem Zeitpunkt schwinden, wo die unzähligen Vorträge über diese Weiblichkeit den Nachweis erbringen, daß sie nicht mehr selbstverständlich ist, und wo sich die beunruhigende Perspektive der Verschmelzung der Geschlechter abzeichnet. Der ,androgyne Look’, der von Rockstars wie Grace Jones oder Annie Lennox verkörpert wird, drückt nicht nur ein pathogenes Phantasma des Egalitarismus aus (der die Unterschiede zwischen Männlichem und Weiblichem nun konkret leugnet), sondern offenbart auch den subtilen Willen, die Frau um ihre erzeugende und mütterliche Funktion zu bringen zugunsten des entfremdeten und gefälschten Bildes der ,femme virile’. Diese vorherrschende Androgynie verweist auf einen der beunruhigendsten Aspekte des Identitätsverlustes, auf den biologischen Identitätsverlust nämlich: die systematische und theatralische Erhöhung der Homosexualität32 sowie der Einsatz androgyner Modelle im Mode- und Werbungsapparat drücken eine mehr oder minder unbewußte Ablehnung der Fruchtbarkeit und der Fortpflanzung aus und unterstehen einem gewissen Willen zum biologischen Selbstmord, der mit dem sterilisierenden Narzißmus der westlichen Zivilisation völlig übereinstimmt.
Die androgyne Frau und der theatralische Homosexuelle stoßen im gleichen unnatürlichen und einheitlichen Stil zueinander und bilden das Modell eines neutralen, völlig entwurzelten, sterilisierten (in beiden Sinnen) Individuums. Ein Individuum, das auf jede Nachkommenschaft, jede Zukunft und jede Tradition verzichtet hat; das uns das traurige Gesicht einer entmutigten, von dem langweiligen No futur-Thema besessenen europäischen Generation zeigt; das aufgegeben hat, sich geschichtlich fortzusetzen, und nur noch die anfällige Stimmung der ,Neuen Konsumgesellschaft’ fortsetzen will. Alles läuft also auf die umfassende Entvirilisierung des Europäers hinaus, für die er einzig verantwortlich ist und die einer Selbstkastration, einem Selbstmord gleichkommt, allerdings einem Selbstmord ,mit Lächeln’, wie das eines traurigen Clowns. Mit einer gewissen krankhaften Freude, einem frohlockenden Masochismus billigt und fördert ein Großteil der europäischen Eliten den Verlust unserer kulturellen und anthropologischen Identität und unseren totalen Niedergang. Dieser ‚Europessimismus’ verbirgt sich hinter einem Optimismus, der dennoch Glaubwürdigkeit vermissen läßt: man erspäht freudestrahlend das Aufkommen einer höchst fruchtbaren Gesellschaft kulturellen Zusammenbrauens, aus der angeblich wie in den USA eine ,neue Identität’ hervorgehen würde: die einer ,offenen Kultur’, in der sich sämtliche Einflüsse verwischen würden. Man will also jene alte progressistische Illusion, die Leopold Senghor bereits in den sechziger Jahren als „Zivilisation des Universalen“ getauft hatte, als neuen Weg hinstellen. Zum Glück aber verwerfen neue Eliten dieses Projekt, weil sie sich seines Überaltertseins bewußt sind, weil sie es für unästhetisch und demobilisierend (da ohne Selbstbehauptungswillen) halten und weil sie dessen senilen Fatalismus erfassen. Deshalb versuchen sie umhertappend zu ihrer Identität zurückzufinden, die sich um drei Angelpunkte drehen soll: die Heimat, das nationale Vaterland und Europa, wobei letzteres die Rolle des großen verbündenden Mythos spielt, der mit zwar unscharfen, dennoch außerordentlich verlockenden Bildern gefüllt ist.
Müssen wir wieder ethnozentrisch werden?
In der Optik der drei Identitäten, der ‚regionalen’, ‚nationalen’ und ‚kontinentalen’, wäre es vergeblich und lächerlich, die Stufe der nationalen Zugehörigkeit entfernen zu wollen.
Die Regionalisten wollten es eine Zeit lang. Abgesehen davon, daß dies utopisch ist und die Bedeutung der historischen Traditionen übergeht, erscheint dieser Gesichtspunkt ungemein rationalistisch und totalitär. Obwohl sich die Nationen Europas auf völlig unterschiedlichen Prinzipien (volksmäßige in Deutschland und Italien; staatliche in Frankreich, Spanien oder Polen) gründeten, bestehen sie nun als historisch-geographische Realitäten und ernten starke Zugehörigkeitsgefühle.
Man muß die nationalen, europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Man wird um so mehr ein Italiener, Franzose oder Deutscher sein, als man ein Europäer ist, und um so mehr ein Europäer, als man mit seiner italienischen, französischen oder deutschen Identität verbunden ist; selbst wenn ein ,Franzose’ zu sein nicht genau das gleiche bedeutet wie ein ,Deutscher’ zu sein. Es gilt demnach, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Diese ,identitäre Gymnastik’ wird übrigens in Frankreich am meisten Probleme aufwerfen, weil die französische Nation leider allzu oft ihren Nationalismus entweder als Universalismus (wie heute die USA) oder als Opposition zu ihren Nachbarn auslegte, in beiden Fällen nach einem antieuropäischen Schema. Alles ist aber immer möglich: War die ‚gaullistische’ Ideologie — die es wiederzubeleben gälte — nicht im Grunde zugleich von dem Regionalismus und dem Bau eines blockfreien Europa-der-Nationen angezogen, in dem die französische Identität zur Behauptung der europäischen Macht beitragen sollte?
Wie die traditionellen Gesellschaften müssen wir ethnozentrisch werden oder wieder werden, und nicht ethnozidär. Wie Claude Lévi-Strauss es nämlich unterstreicht,33 sind die sogenannten ,primitiven’ Völker sowie die Völker der Gegenwart, die nicht sterben wollen, dazu gezwungen, sich selbst als Mittelpunkt zu nehmen, den anderen mehr oder minder ,fremd’ zu werden. Das vielleicht beste Mittel, den Anderen zu achten, ist, ihn etwas zu vergessen...
Dem wird man entgegenhalten, daß diese Entwicklung zu einer Welt führen würde, in der jeder steril verschlossen wäre, und daß das ‚wienerische’ Europa zur Zeit seines kulturellen Glanzes kosmopolitisch gewesen sei. In Wirklichkeit wohnte der frühere europäische Kosmopolitismus Europa inne, das damals allein einen Makrokosmus darstellte; alles ändert sich, wenn der Makrokosmus weltweites Ausmaß gewinnt. Der Kosmopolitismus wirkt dann sterilisierend und homogenisierend. Ein echter Austausch wie einst, als die Zivilisationen als verhältnismäßig autozentrierte ,Blöcke’ nebeneinander standen, erfolgt erst dann, wenn jeder eine starke Persönlichkeit und einen relativen Abstand zu den anderen wahrt. Alle äußerst fruchtbaren Beziehungen, die Europa mit der arabischen,34 indischen und chinesischen Welt pflegte, veranschaulichen das. Heute hingegen führt das weltweite kulturelle Zusammenbrauen ,plurikultureller’ Gesellschaften mit Massen-Narzißmus zu kulturellen Produkten, die denen der identitären Völker unterlegen sind, weil sie sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschen beziehen. Die ,Kommunikation’ bleibt entgegen einer weiteren zeitgenössischen Illusion dann weitgehend aus. Jeder schließt sich ein in seinem Getto, seiner kulturellen Zunft, seinem gesonderten Geschmack, und die Kultur verliert ihre volkstümliche und organische Bedeutung.
Nun entsteht ein kulturelles Kaleidoskop: Man findet ,alles’, wie in einem Supermarkt; ,für jeden Geschmack’ gibt es etwas, von Mozart bis zur Funkymusik, aber die Kultur büßt ein, was ihre Originalität nährt: ihre Verwurzelung in einer ethnopopulären Identität. Alle Auswirkungen lassen sich zwar heute noch nicht feststellen, da die Identitäten noch existieren, da das Zusammenbrauen erst stattfindet und noch nicht abgeschlossen ist, da es beispielsweise im ‚arabischen Rock’ noch ein arabisches Element gibt, was den Anhängern der plurikulturellen Gesellschaft zu dem Glauben verhilft, daß ein größerer Reichtum aus dem Zusammenbrauen hervorgehen werde... In Wirklichkeit, und der Untergang des Jazz zeigt es zur Genüge, liefert der kulturelle melting-pot zwar zunächst durchaus ‚annehmbare’ Erzeugnisse, mündet dann aber in die neoprimitive rationalisierte Massenkultur (siehe die heutige n amerikanischen Exporte), und zwar sobald die ethnopopulären Identitäten gestorben oder folklorisiert sind.
Unter diesen Voraussetzungen bleibt jeder Austausch, jede Kommunikation aus, schwindet jeder ‚Unterschied’. Die einzigen zugelassenen Unterschiede sind die, die innerhalb jeder aseptisierten plurikulturellen Zone wiederauftauchen, das sind die nach ,Geschmacksklasse’ oder nach soziologischen bzw. ökonomischen Kategorien programmierten kulturellen Sektoren. Es handelt sich um das letzte Stadium des kulturellen Todes. Jeder ist in seiner Konsumierung kultureller Waren, in seinem Getto gefangen und ignoriert den Anderen. Die USA liefern uns diesbezüglich einen erbaulichen Anblick: den der totalen Verachtung für alles, was nicht für den beschränkten Geschmack des Durchschnittsamerikaners vor-verdaut ist.
Eine Kultur kann nur fortbestehen, der Mensch kann der Primitivität und der Barbarei der Entgeistigung nur entgehen, die Achtung vor dem Anderen kann nur einsetzen, die Fruchtbarkeit des Gedanken- und Sensibilitätsaustausches kann nur andauern, die Erfindungskraft kann sich nur behaupten, wo die Zivilisation in einem ethnopopulären Bewußtsein wurzelt, wo die Eingebung aus dem Autozentrismus eines Volkes hervorgeht. Angesichts solcher Gefahren bietet (nach dem Wunsch Henri Gobards35) nur noch der ,Kulturkampf eine anständige Perspektive für die Europäer. Es hat keinen Zweck, sich mit der amerikanisch-westlichen Kultur abzufinden; wir müssen sie einer ständigen ,Spannungsstrategie’ unterziehen und sie, zusammen mit der mehrrassischen Gesellschaftsform, zu einer bevorzugten Zielscheibe machen. Die Entkulturierung und der Identitätsverlust sind zum Glück nicht immer vollständig. Die Selbstverleugnung ist selten absolut. Und häufig sind es die der größten Entkulturierung, dem gewaltigsten Ethnozid ausgelieferten Völker, die aus dem tiefsten Grund des Volksgedächtnisses den Willen, sich eine neue Identität zu geben, schöpfen. Möglicherweise keimt dies im heutigen Westeuropa, und vor allem in dem Land, das systematisch am meisten entkulturiert und entwurzelt wurde: Deutschland. Soziologen und Ethnologen nennen diese Widerstands- und Wiederbelebungsphase Gegen-Akkulturation in bezug auf das, was sich in mehreren Regionen der Dritten Welt (Schwarzafrika, arabische Länder, Südamerika) beobachten läßt. „Zu dieser Phase rufen wir heute die europäischen Kulturen auf“, schreibt Pierre Berard, „sowie alle, die in der Welt unter dem Joch eines proselyten Okzidents seufzen. Dieser von seinen Anhängern als ,Verus Israel’ hingestellte Okzident verwirklicht das Wort aus dem Deuteronomium: ,Der Herr, dein Gott, rottet die Völker aus, zu denen du kommst ihr Land einzunehmen’ (2. Moses, 12,29).36“
IV. Die ,Tradition’ im Lichte der faustischen Seele
Die historische Regenerierung Europas sowie seine Rückkehr zur Identität werden vielleicht nicht das Werk dieser Generation sein. Selbst wenn wir, als aktive Pessimisten, mit Verbissenheit daran arbeiten müssen, dürfen wir Hölderlins Wort nicht vergessen: der meditierende Gott haßt vorzeitiges Wachstum.
Europa seine Identität und seine Größe wiederzugeben heißt, es auf den schmalen Weg seiner Wieder-Vergeistigung außerhalb eines nunmehr religiös sterilen Judäo-Christentums zu bringen. Es hieße also, einen Rückgriff auf den Paganismus zu ,erfinden’; und das setzt voraus, daß man das ganze Volksbewußtsein auf den Fundamenten des ,Surhumanismus’ neu baut, während es heute noch von der Ernüchterung des egalitären Nihilismus bewohnt ist. Wir können die historische Bedeutung dieses Unternehmens ermessen.
Die Wahl des surhumanistischen Mythos
Diese Unternehmung muß von Eliten geführt werden, die Scharfsinn, unerschütterliche Ausdauer und vor allem unendliche Geduld aufweiten. Der eigentlichen Bekehrung des ,Volkes’ muß die Bildung einer Minderheit vorausgehen, die ihre Tradition zurückzugewinnen weiß, die innerlich wagt, die Fesseln des Egalitarismus und der tausendjährigen Ideologie des okzidentalen Humanitarismus zu brechen. Der Urheber solcher Ideen, der Vorkämpfer dieser Verwandlung des europäischen Bewußtseins, dieser regenerierenden Umkehrung der Geschichte war Nietzsche, der die Ansicht vertrat, daß ein geschichtlicher Wieder-Anfang nur von ihm ausgehen könnte. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß seine Nachfolger den Aufschwung der egalitär-nihilistischen Bewegung nicht aufhalten könnten, und forderte uns auf, als aktive Nihilisten die Fortsetzung dieses Prozesses bis zur Fäulnis zu wünschen. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß sich die Europäer in das verwandeln würden, was sie heute geworden sind: in ,köstliche Sklaven’.
Nietzsches Aufruf an die Europäer, den tausendjährigen Nihilismus des Judäo-Christentums zu überwinden, den egalitären Zyklus — wenn historisch möglich — aufzugeben und in dem Surhumanismus die Regenerierung ihrer Geschichte sowie die Rückkehr zu ihrer Identität zu erfahre — dieser Aufruf nimmt die Form eines Mythos (des ,surhumanistischen Mythos’, den Wagner und Heidegger formulierten) an, das heißt die denkbar realitätsschwerste und stärkste Form.37
Warum ein Mythos? Weil zu einer Zeit, wo alles Gedachte von jüdischchristlichen und egalitären Werten geprägt ist, die surhumanistische Botschaft der neuen europäischen Identität — will sie die Geister nicht erschrecken — in einer irrationalen und verschlüsselten Form dargelegt werden muß, die mehr die Sensibilität als den Intellekt anspricht. Eine Regenierung des europäischen Paganismus, eine historische Verwirklichung des Surhumanismus, eine Überwindung des westlichen Egalitarismus setzen nämlich, wie Nietzsche es ausdrücklich betonte, eine Umwertung aller bislang angenommenen Werte voraus.
Die Anhänger einer europäischen Regenierung durch Überwindung und Lossagung vom Judäo-Christentum und Egalitarismus werden also bei ihren metapolitischen und kulturellen Unternehmungen darauf achten müssen, diesen ‚Anteil des Mythos’, der im Dunkeln den Rückgriff schützt, zu bewahren.
Wir müssen uns sehr davor hüten, für die europäische Identität und Regenerierung gemäß dem Surhumanismus eintreten zu wollen, indem wir die Sprache und die ‚politischen’ Verpflichtungen einer gewissen Rechten und einer gewissen Linken übernehmen, da alle politischen Diskurse im heutigen Europa, selbst die positivsten, sich innerhalb der egalitären Weltanschauung befinden. Der Diskurs der ,Regeneratoren’ Europas darf ferner nicht darauf abzielen, diejenigen zu überzeugen, die von jeher die Träger und Propheten der egalitären Weltanschauung, also die Totengräber Europas und jedes Reichs sind, auch nicht diejenigen, die das surhumanistische Projekt niemals begreifen und sogar wollen werden, weil sie geistig vom Egalitarismus besetzt sind. Das surhumanistische Projekt wendet sich an all diejenigen, die die heidnische Weltanschauung — häufig ohne es zu wissen — in sich tragen und die zahlreicher als angenommen sind, da der Schatten der Götter immer noch vorhanden ist, die alten Pantheons immer noch fruchtbar und imstande sind, junge Götter ins Leben zu rufen. Wie Meister Eckhart es formulierte, ist ein solcher Diskurs für diejenigen gemacht, die ihn bereits in ihrem Herzen als ihre eigene Wahrheit tragen. Zwischen dem Egalitarismus und dem Surhumanismus, zwischen Dostojewski und Nietzsche, einer jüdisch-christlichen Geschichte und einem neopaganischen Schicksal zu wählen heißt für den heutigen Europäer nicht zwischen Falschem und Wahrem, Bösem und Gutem wählen. Es handelt sich um eine freie Wahl, da wir von keiner absoluten Tradition ,prädeterminiert’ sind. Es ist eine Wahl, die auf dem Willen beruht; eine Wahl zwischen Möglichkeiten, die alle gleich authentisch sind; eine Wahl, die letzten Endes eher aufgrund ästhetischer als rationaler Kriterien getroffen wird. Entweder entscheidet man sich — aus durchaus zulässigen Gründen — für ein jüdisch-christliches, humanitaristisches Europa als kosmopolitische Zweigstelle eines weltweiten Okzidents; oder man entscheidet sich aus gefühlsmäßigen und ästhetischen Gründen gegen die jetzige Entwicklung (die von diesem Standpunkt aus ,Dekadenz’ ist) für ein identitäres, auf den imperialen und heidnischen Teil seiner Tradition ausgerichtetes Europa; ein Europa nämlich, das B.-H. Lévy überall (legitim und subjektiv) als ,barbarisch’ hinstellt, das man auch — wird man von einer anderen Weltanschauung beseelt — als einzig ,kulturales’ betrachten kann. Mit der gleichen Wahlentscheidung sind übrigens mehrere außereuropäische Völker, vor allem die Araber, konfrontiert, die ebenfalls an der Wegscheide sich entweder für eine Okzidentalisierung ihrer Gesellschaft aussprechen müssen oder für die Reaktivierung des Großprojekts einer imperialen Einheit des arabisch-islamischen Vaterlands. Diese Wahl findet also zwischen zwei ,Traditionen’ statt, und das Zukommende wird dann nicht von einer in abstracto projizierten ,Zukunft’ bedingt, sondern zuvorderst von einer Aneignung der Vergangenheit, einer ,möglichen’ Vergangenheit. Der Rückgriff auf Zarathustra ist die Bedingung zum Zutagetreten des Übermenschlichen.
Die Dreidimensionalität der geschichtlichen Zeit
Was die surhumanistische Weltauffassung, so wie Wagner, Nietzsche und Heidegger sie in ihrer ganzen historischen Potentialität formulierten und ans Licht zogen, eigentlich kennzeichnet, ist die Ablösung der indisch-christlichen linearen Zeit durch die dreidimensionale Zeit sowie die Rückgabe dieser Dreidimensionalität an den Menschen, die ihn als solchen begründet. Die dreidimensionale Zeitlichkeit gibt dem Menschen die Möglichkeit, als historisches Wesen aufzutreten. Wie ist diese dreidimensionale Anschauung der Zeit und der Geschichte zu definieren und worin widerstreitet sie der progressistischen, vom Christentum stammenden Auffassung? Als Antwort möchten wir Giogio Locchis These zusammenfassen.38
Indem er die Vergangenheit ‚abtötet’, indem er ihr jede Legitimität, die Gegenwart zu besetzen, abspricht, indem er die Zeit nach dem segmentären Schema (vollendete, vergessene oder versteinerte Vergangenheit — Gegenwart als ,leerer’ Nullpunkt — Zukunft als Heil und Ende der Geschichte, Abschaffung der Geschichte und somit dessen, was die Vergangenheit ausmachte) strukturiert, radiert der jüdischchristliche Progressismus implizit das Vorhandensein der Tradition, der Identität, des Willens, historisch fortzuleben. Der reaktionäre Traditionalismus gehört übrigens zu dieser Strategie. Von dem Augenblick an, wo die Werke und Ereignisse der Vergangenheit für verjährt und lot erklärt werden, kann man sich leisten, sie einzubalsamieren, zu ehren und wie Fossilien zu erforschen. Die Vergangenheit wird von einem technologischen Schutz um so mehr versteinert, als sie neutralisiert und nichtwirkend ist. In der Kunst werden die Werke aus der Vergangenheit der Völker als ,Erbe der Menschheit’ hingestellt, um wohl zu zeigen, daß sie keine Zugehörigkeit und keinen Widerhall mehr in der Gegenwart haben. Sobald eine historische Forschung aufgrund der starken Erinnerungen, die sie hervorruft, zurückzuwirken droht, wird sie umgehend für streng wissenschaftlich erklärt: So war Georges Dumézils indoeuropäische Forschung der Gegenstand einer eifrigen Neutralisierungskampagne, die dem Forscher sogar Erklärungen entlockte, wonach seine Arbeiten über die Indoeuropäer überhaupt keine Auswirkungen für die Gegenwart gehabt hätten — daß die dreiteilige Ideologie der Indoeuropäer lediglich eine akademische Bedeutung habe, kurzum daß die indoeuropäische Vergangenheit Europas, die ihm gerade ein einheitliches historisches Gedächtnis geben könnte, entweder abgeschlossen oder phantasmagorisch sei. Die Indoeuropäer in einen Gegenstand bloßer Gelehrsamkeit zu verwandeln erscheint übrigens viel wirksamer, als ihre Existenz als Volk polemisch zu leugnen — wie das ebenfalls geschieht —, da letztere Strategie darauf hinausläuft, ihre Präsenz zu reaktivieren.
Dem Vergangenen der linearen Zeitauffassung (Vergangenheit in der Terminologie Heideggers) müssen wir das Vergangene der dreidimensionalen Zeit entgegenstellen, das Heidegger als Gewesenheit bezeichnet. Die Zukunft baut man nicht auf der ,Vergangenheit\ sondern auf der ,Gewesenheit’, das heißt auf dem, was den arché, den gründenden Anfang, enthält.39 Die Zukunft baut man nicht auf einem Determinismus (entweder dem der Progressisten, die von der angeblichen Richtung der Geschichte behandelt werden, oder dem der reaktionären Traditionalisten, die in der Bindung an eine geschlossene und zwingende Tradition gefangen sind), sondern auf der Treue gegenüber einem Schicksalsprojekt, für das man sich freiwillig entschieden hat. Und was wählt man? Man wählt, um historisch gründend zu sein, was sich nicht nur in der Gegenwart, sondern zugleich in der Vergangenheit und in der Zukunft beheimaten läßt, nämlich seine Heroen. Die Geschichte ist in ihrem authentischen Sinn die Wahl der Heroen.
Zwischen Abraham und Achilles ist die Alternative heute offenkundig. An der Wahl der Heroen (mehr noch als an den biologischen und kulturellen Bedingtheiten) wird erkannt, was man ein ,Volk’ nennen muß. Wagner gab übrigens vom Begriff Volk eine Definition, die mit unserer Auffassung völlig übereinstimmt. Für ihn waren die Mitglieder ein und desselben Volkes diejenigen, die, in der gleichen gegenwärtigen Not lebend, sich der von ihnen gewählten ,Väter’ gemeinsam erinnern und auch ein ebenso gemeinsames Zukunftsprojekt formulieren. Die Vergangenheit ist dann nicht mehr, was abgeschafft und auf immer verloren ist, sondern das, was ,geworden ist’ und seine Präsenz hier und jetzt durchsetzt, ja sogar was wird, was andauert und zu werden nicht aufhört, da die historische Zukunft das Werden der Vergangenheit aufnehmen soll. In dieser Sicht ist die gesamte Zeit (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) in einer dreifachen Osmose ein und dasselbe Werden, ein und dasselbe Ereignis. Die Gegenwart des Volkes ist nicht mehr jener Nullpunkt, jener leere Augenblick des asymptotischen Segments, das zum Ende der Geschichte führt, sondern Präsenz, andauernde Präsenz (Anwesenheit bei Heidegger). Diese Anwesenheit bei der eigenen Geschichte und innerhalb der historischen Dreidimensionalität der Zeit ist in dem griechischen Verb ,sein’ (einai) wiederzufinden, das ,in der Dauer anwesend sein’ bedeutet. Die Dauer schließt aber auch den Raum, d. h. die Heimat ein. Die Gegenwart der dreidimensionalen Zeitauffassung bedeutet nicht nur, daß das Volk seine eigene Geschichte besitzt, sondern auch, daß es in seinem Raum verwurzelt ist: ein zusätzlicher Grund für die herrschende kosmopolitische Mentalität, diese Anschauung der Zeit abzulehnen und ihr die lineare Auffassung vorzuziehen. Der Begriff ‚Anwesenheit’, in dem die Vorsilbe ,an’ den Raum bezeichnet, weist daraufhin, daß die Gegenwart der dreidimensionalen Zeit nicht nur das stets wirkende historische Gedächtnis einschließt, sondern in seiner Fortdauer auch das Territorium der Vorfahren, den Boden enthält, wo das Volk seine Geschichte begangen hat und begeht.
Diese dreidimensionale Auffassung der Geschichte ist weder ‚revolutionär’ noch ‚zyklisch’, noch ‚reaktionär’, noch ,progressistisch’. Sie schließt diese Kategorien ein und übersteigt sie zugleich. Da wo Tradition und Modernismus als gegensätzlich betrachtet wurden, werden sie als harmonierend in Betracht gezogen. Ein solcher Gesichtspunkt ist verwandt mit dem der deutschen Konservativen Revolution, deren Auffassung der Geschichte sowohl dem Progressismus wie auch dem reaktionären Traditionalismus entgegengesetzt war. Einen revolutionär-konservativen Standpunkt einzunehmen heißt zugleich, eine Rückkehr zum Ursprung und eine Selbstprojizierung in die Zukunft vollziehen, heißt den Willen bekunden, den Anfang wiederzufinden (Heideggers ‚griechischen Anfang’) und ihn verwandelt in der Zukunft zu rehabilitieren, und zwar gemäß einem Vorgang, den Nietzsche „die ewige Wiederkehr des Gleichen“ nannte. Selbstverständlich ist eine solche Perspektive überhaupt nicht erfaßbar für all diejenigen, die der linearen, eschatologischen und messianischen Auffassung der Zeit ausgeliefert sind, für die Anhänger des jüdisch-christlichen Progressismus.
Diese Perspektive können wir ebenfalls als faustisch bezeichnen — in bezug auf die Bedeutung von Goethes dramatischer Gestalt: der faustische Mensch ist ,riskiert’ (und Heidegger definiert den Menschenstand als das höchste Wagnis für sich und die Welt); er ist gewissermaßen von seinen Göttern ,verdammt’, die er wagemutig und trotzend herausfordert. Der faustische Mensch ist in diesem Sinne des-installiert. Man kann übrigens erst dann als des-installiert gelten, wenn man tief verwurzelt ist. Beide Begriffe ergänzen sich völlig. Als Europa ab dem 16. Jahrhundert zur Eroberung der Meere und der anderen Kontinente (Desinstallation) ansetzte, tat es dies als Europa und aus einer verwurzelten Position heraus. Die europäische Verwurzelung trug zur Macht und zur Intensität der Eroberungs- und Entdeckungsbewegung bei, so wie letztere die Persönlichkeit Europas zum Erstarken brachte. Die universalistische Ideologie des Christentums war es, die die Entpersönlichung Europas beschleunigte, und nicht seine faustische und erobernde Desinstallation. Der faustische und des-installierte Wesenszug der europäischen kollektiven Persönlichkeit verleiht der europäischen Identität übrigens die Form einer ständigen Zurückeroberung. Jede Desinstallationsbewegung bedingt dafür eine neue Verwurzelung, was der (kulturellen, politischen usw.) Identität Europas die Form einer ständigen Spannung, einer immer riskierten und fruchtbaren Verwandlung gibt.
Um das faustische Wesen der historischen Persönlichkeit Europas noch besser zu definieren, müssen wir über den eigentlichen Rahmen des europäischen Menschen hinausgehen und genau festhalten, worin der Mensch selbst ein ‚historisches Wesen’ ist.
Die biologisch programmierten Tiere wissen, kennen aber nicht. Sie können nicht aus ihrem Programm. Die Welt bietet sich ihnen als fertig, als anwendungsbereit dar. Der Mensch dagegen, dessen angeborene Impulse de-programmiert sind, der durch ,Weltoffenheit’ und Formbarkeit gekennzeichnet ist, besitzt im Grunde wenig Wissen, ist aber für die Erkenntnis geschaffen, die der Technik zugrunde liegt.
Heidegger erkannte, daß der Mensch immer in einer ‚Befindlichkeit’ gegenüber sich selbst und der Welt ist, eine für ihn ständig problematische Befindlichkeit, die ihn aber unaufhaltsam zum Handeln gegen sich selbst und das Milieu bewegt. Während das Tier in die Welt, in einen Zustand der Sicherheit und der ‚Normalität’ gesetzt wird (der ihm ein Einssein mit der Welt, deren Empfänger es ist, gewährleistet), wird der Mensch in die Welt geworfen ( Geworfenheit in der Terminologie Heideggers).
Während das Tier auf die Gattung ausgerichtet ist, von dem unbewußten Fleiß seiner Gene bewohnt und beherrscht wird, kein Bewußtsein-seiner-selbst hat, ist der Mensch, wenn er zum historischen Bewußtsein gelangt, auf sich selbst (als Volk, und nicht als Individuum) ausgerichtet, wird ,zu sich selbst’ von dem ,gerufen’, was Heidegger das Ereignis nennt, das heißt die Versuchung, sich selbst in ein ,Ereignis’ für die Welt zu verwandeln, ein riskiertes und störendes Ereignis. Als ,Wesen-in-der-Welt’ definiert, muß der Mensch folglich unter dem Aspekt eines Lebenden verstanden werden, der im Gegensatz zum Tier um seiner selbst willen lebt. Er ist da, um er selbst zu werden, sich selbst zu gestalten, für sich selbst zu sorgen. ,Sich-selbst’ kann natürlich die Gemeinschaft, der Stamm, das Volk bedeuten, und nicht nur die ‚Menschheit’ oder das ‚Individuum’. Der Heideggersche Begriff des Daseins bedeutet, daß die ,Welt’ nur für den Menschen da ist. Ohne den Menschen keine Welt. Was bedeutet aber dieser Begriff ,Welt’? Die Tierwelt existiert nicht ,für’ das Tier; sie ist lediglich ein Komplex physikochemischer Signale, auf die das Tier in seiner ewigen Kopräsenz mit seiner Umwelt, in seiner ständigen Unmittelbarkeit antwortet. Die Menschenwelt ist mehr als das: sie untersteht der historischen Existenz. Was den historischen Menschen als historisches Tier begründet, ist gewissermaßen und trivial formuliert sein Egoismus, die Tatsache, daß er sich die Welt aneignet und sie als ,für ihn geschaffen’ deutet, als einen außerhalb seiner befindlichen Raum, den er, um für sich selbst zu sorgen, benutzen kann. Für den Menschen stellt die Welt demnach keineswegs die objektive Totalität der Seienden, die Gesamtheit der physikochemischen Welt dar.
Indem er den Völkern dieses ,Für-sich-selbst-Sorgen’ verwehrt, indem er die Behauptung ihres kollektiven Ego lähmt, fällt der jüdisch-christliche Humanitarismus auf die tierische Stufe des Gattungsbewußtseins zurück. Die Gattung wird hier mit der primitiven und verwirrenden Kategorie der ,Menschheit’ aufgefaßt, einem rein zoologischen Begriff, der jeglichen historischen Wert entbehrt und dadurch paradoxerweise un-menschlich ist. Der Egalitarismus lehnt im allgemeinen ab, den Menschen als Person oder als Volk aufzufassen, und betrachtet ihn statt dessen nur unter den zoologischen Kriterien der ,Menschenmasse’ sowie ihres Korrelats: des Individuums. Der Surhumanismus, so wie ihn die heidnische Tradition implizit formulierte und Nietzsches Denken darlegte, behauptet dagegen, daß der Mensch aus sich heraus handelt, und nicht durch die Gattung, d. h. jene ,Menschheit’. Er handelt „aus sich heraus“, nicht als atomisiertes Individuum, sondern als Volk oder als schöpferische Person, die die Seele und das Schicksal ihres Volkes zum Ausdruck bringt.
Der Individualismus des egalitär-humanitaristischen Bewußtseins darf nicht mit dem von uns angesprochenen ,Personalismus’40 verwechselt werden; er verweist vielmehr auf das Magma der Gattung, das heißt auf eine Menschheit, die nur die Addition einer Unzahl von ,gleichen’ Individuen darstellt. Diese rückschrittliche Anschauung des Menschlichen kommt in der jüdisch-christlichen Philosophie der Menschenrechte zum Ausdruck. Hier wird der Mensch nur als human being (nach der schrecklichen angelsächsischen Formulierung) aufgefaßt, das heißt im Grunde als ,menschliches zoologisches Wesen’, als Säugetier des Typs homo.
Und so wie es natürlich erscheint, daß alle Tiere derselben Gattung gleich sind und die gleichen ,Rechte’ haben, so hält der jüdisch-christliche Zoologismus es für ebenfalls natürlich, daß alle menschlichen Tiere gleich seien. Die Anschauung des Massenmenschen (Christentum und Okzidentalismus) und die Auffassung des Menschen als autonomes Individuum sind somit miteinander verwandt: sie verwerfen das historische Bewußtsein, sie unterwerfen das Menschliche dem Ungedachten der Gattung und dem Determinismus einer theologischen oder ökologischen Entwicklung — je nach der Lehre. So wie man aber zwischen zwei historischen Optionen, zwischen unzähligen Formen der Vergangenheit oder der Zukunft wählen kann, so kann man zwischen der Annahme dieser Historizität (Geschichtlichkeit), die der Mensch in sich trägt, und ihrer Ablehnung wählen.
Was das historische Bewußtsein, die Zeitlichkeit des Menschen, kennzeichnet und dem Tier sowie den untergehenden Zivilisationen völlig entgeht, ist sein Wille zum Fortbestehen, den Heidegger als ‚Jemeinlichkeit’ bezeichnete. Mit diesem Willen sorgt der Mensch als historisches Wesen für sich selbst (siehe die Heideggersche Sorge, die mit der lateinischen Cura verwandt ist), ohne sich dem Programm der Gattung zu überlassen.
Dieses dem historischen Bewußtsein eigentümliche ,Für-sich-selbst-Sorgen’ bewegt den Menschen, sich in die Zukunft zu projizieren, indem er sich zeitlich vorausgeht und indem er die von ihm gelebte Gegenwart als ,Schon-Vergangenes’ auffaßt. In dem historischen Bewußtsein, das nicht linear, sondern nur dreidimensional sein kann (da Vergangenheit und Zukunft, die beiden einzigen Realitäten, in den einfachen Inhalt hineinschmelzen, den der gegenwärtige Augenblick darstellt), erlangt der Mensch eine einmalige ,Selbstpräsenz’, da sie das bloße unmittelbare Bewußtsein, hier und jetzt zu existieren, übersteigt, das dem Tier und den antihistorischen Zivilisationen des gegenwärtigen Okzidents eigen ist.
Die Selbstpräsenz des historischen Menschen, des historischen Ego enthält eine Tiefe und eine mehrdimensionale Intensität, die zu der Behauptung bewegen, daß die westliche Zivilisation (die von dem Ehrgeiz beherrscht wird, den Massenmenschen im Glück einer ewigen Gegenwart zu bauen) vergleichsweise den Typus eines niederen, zum Zoologischen zurückschreitenden Menschen baut, weil er nicht über diese zeitliche Intensität der Selbstpräsenz verfügt, die das historische Bewußtsein kennzeichnet.
Die Welt des Menschen umfaßt nämlich sämtliche Relationen, die um den Menschen in seinem Interesse, im Interesse seines Willens-zur-Macht entstehen. Und diese Beziehungen entstehen potentiell: der Mensch definiert sich nämlich immer wieder als ein Sein-Können. Der Mensch, der sich seiner als Ego annehmen muß (da er ,aufgegeben’ und in die Welt ‚geworfen’ wird), der für sich selbst sorgen und die Welt dementsprechend verändern (und ,pflegen’) muß, wird nämlich zu jedem Zeitpunkt vor eine Wahl gestellt, wird immer wieder aufgefordert, angesichts einer Alternative zu entscheiden und zu handeln, da die Welt — für ihn — als ein Komplex von Wechselbeziehungen, als eine ständige Inter-Kommunikation (das Heiderggersche Mitsein) erscheint.
Der ,Abbau’ der europäischen Geschichte
Das Judäo-Christentum und der Egalitarismus scheinen den Menschen ebenfalls als historisches Wesen zu definieren. Doch dem ist in Wirklichkeit nicht so, da das Judäo-Christentum in seiner eschatologischen, messianischen und segmentären Auffassung der Geschichte diese als vorübergehend hinstellt. Sowohl im hegelisch-marxistischen Messianismus wie auch in der progressistischen Lehre der liberalen Demokratien IM die Geschichte dazu bestimmt, sich zu vollenden und (weil sie ‚schlecht’ ist) durch die Errichtung einer weltweiten Justiz, einer weltweit befriedeten Gesellschaft zum Abschluß zu kommen, so wie die Parusie im Judäo-Christentum die Geschichte der Menschheit zugunsten des regnum Christi beenden wird. In dieser Weltanschauung ist tief Mensch demnach im Grunde kein historisches Wesen; er wird nicht ewig zur Geschichte bestimmt. Zur Geschichte wird er nur vorübergehend verurteilt. Und das Heil wird ihn, sofern er dem ,Sein-Sollen’ entflicht, davon erlösen. Die jüdisch-christliche und egalitäre Anschauung des Menschen ist, wie bereits erwähnt, mit einer schlicht zoologischen Auffassung gleichzusetzen, weil sie die Dreidimensionalität des menschlichen Bewußtseins ausschließt und den Menschen nicht als ein stets historisches Wesen definiert.
Die surhumanistische Auffassung des Menschen und der Welt, die man ‚neopaganisch’ bezeichnen könnte und die in Europa mit Nietzsche wiederkam, behauptet dagegen, daß die Geschichte des Menschen mit dem zoologischen Leben und den ,Dingen’ nichts zu tun hat (siehe Wilhelm Dilthey). Die Geschichte ist eine supravitale, rein menschliche Angelegenheit, und nur der Mensch besitzt (virtuell) die Geschichtlichkeit. Und er besitzt sie als einziger, weil er die Zeit auf dreidimensionale Weise erfährt.
Nach diesem ersten Untersuchungsabschnitt können wir bereits die brennende und umstrittene Frage nach dem quantitativen und / oder qualitativen Unterschied beantworten, der bei den einzelnen Zivilisationen und ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe zu beobachten ist. Ist der europäische Mensch den anderen ,überlegen’, weil er als erster die moderne Technik einführte? Nein, denn die Technik gehört der Lebensordnung an, und nicht der Geschichtsordnung. Die Technik geht aus dem Biologischen hervor, denn es liegt in der genetischen Natur des Menschen, ein Techniker zu sein, um in seinem Milieu zu überleben. Aber hinsichtlich der Geschichtlichkeit des Menschen (der wohl wichtigste Gesichtspunkt) ist keine Zivilisation einer anderen überlegen. Alle Menschen, vom präneolithischen Primitiven bis zum Menschen der modernen Technik, werden von der Geschichtlichkeit bewegt, jener Geschichtlichkeit, die sich als „etwas anderes“ denn das Leben enthüllt.
Und selbst wenn eine Zivilisation diese Geschichtlichkeit nicht aktualisierte, indem sie beispielsweise diesseits der Geschichte blieb, kann sie es jederzeit tun und in die Geschichte eingehen; was zum Beispiel die Völker Afrikas im 20. Jahrhundert, im Anschluß an die europäische Kolonisierung taten.
Die Geschichtlichkeit des Menschen wirft eine zweite folgenschwere Frage auf. Würde die Tradition dieser Geschichtlichkeit nicht entgegenwirken, indem sie das Gedächtnis daran hindert, sich in einem Entwurf zu aktualisieren, indem sie dem Menschen verbietet, ,Wahlentscheidungen zu treffen’ (die wesentliche Tat des historischen Bewußtseins) und indem die ihm ein Programm festsetzt? Käme die Tradition nicht etwa einer Art zoologischer Sperre gleich, wie der Nachklang einer tierischen Vergangenheit, wo das Verhalten der Gattung vom genetischen Code diktiert würde? Auch hier ist die Antwort negativ: die Tradition ist kein Programm in Form eines starren Codes; sie ist vielmehr auch der Gegenstand einer Wahl, einer riskierten Entscheidung; sie ist Bestandteil des historischen Bewußtseins. Jedes historische Projekt (auch jede freie Wahlentscheidung), das eine Selbstprojektion des Menschen in die Zukunft ist, bedingt die homothetische Wahlentscheidung, sich in die Vergangenheit zu projizieren, die Tradition wiederaufzubauen.
Walter Otto41 erinnert uns daran, daß die aus den achäischen Invasionen hervorgegangene ,neue Zivilisation’ ihr Pantheon, folglich ihre religiösen Traditionen (Mythos des von Zeus besiegten Chronos) wiederherstellte. Eine Re-Interpretation der Vergangenheit und der gründenden Mythen erfolgt, sobald ein neues historisches Projekt ans Licht tritt. Im allgemeinen kann keine Projektion in die Zukunft, keine Wahlentscheidung ohne die Unterstützung der Tradition durchgeführt werden. Wir können sogar behaupten, daß das Zukunftsprojekt die Projizierung (die Fortsetzung) einer bestimmten Tradition betrifft. Die ‚Zukunft’ des Menschen ist demnach keineswegs, wie die progressistischen Philosophen der jüdisch-christlichen segmentären Zeitauffassung es wähnen, ein Bruch oder eine Fortsetzung’ der Vergangenheit und der Tradition, sondern die Vergangenheit selbst (genauer gesagt ,eine’ Vergangenheit), die in das Zu-Kommende projiziert wird. Der Stoff der Geschichte ist nichts anderes als die Vergangenheit, so wie die Essenz eines historischen Projekts die Tradition ist. Diese These soll veranschaulicht werden. Wenn wir davon ausgehen, daß unsere Epoche in Europa den Kampf zwischen zwei großen historischen und politischen Projekten (dem des egalitären Humanitarismus: aus Europa eine von der mehrrassischen Konsumgesellschaft regierte Zone des weltweiten Okzidents machen; und dem des ,ghibellinischen’ Surhumanismus: Europa als imperiales Modell gegen die ökonomistische Zivilisation gestalten) erlebt, werden beide Bewegungen, die hinsichtlich der Zukunft Europas unterschiedliche Wahlentscheidungen treffen wollen, die traditionelle Vergangenheit Europas selbstverständlich in aller Freiheit deuten, um ihre Projekte zu stützen. Die einen werden bestrebt sein, Europa in seine jüdisch-christliche Tradition einzubetten, die anderen in seine paganisch-ghibellinische. Und die gesamte Vergangenheit, ebenso die mythologische wie die künstlerische, literarische, politische und religiöse, wird dann mit Hilfe dieser beiden Subjektivitäten wieder gelesen, ohne daß man jemals von ‚objektiver’ Tradition sprechen kann.
Wenn wir von der Geschichtlichkeit des Menschen sprechen, von seinem freien Vermögen, ,nur für sich selbst zu sorgen’, risikoreiche Wahlentscheidungen zu treffen und sich in die Zukunft zu projizieren — handelt es sich in der surhumanistischen Sicht nicht um irgendeinen Menschen oder um alle Menschen. Wenn jeder Mensch virtuell zum aktiven historischen Bewußtsein gelangen kann, so tun es in Wirklichkeil recht wenige. Zu ihm gelangen lediglich die Persönlichkeiten (die den Gegensatz zu den ,Standardmenschen’ abgeben), die ihre Zeitgenossen und ihre Nachfolger ohne ihr Zutun in die Geschichte werfen. Der Mensch verharrt meistens im dem Bereich dessen, was Heidegger das ‚Man’ bezeichnete, und betritt selten die behauptende, supravitale und gewagte Stufe des menschlichen Ego. Die Behauptung des menschlichen Ego, die der historischen Tat und der Geschichte zugrunde liegt, stellt hinsichtlich der Biosphäre, des Lebens etwas Unerhörtes dar: Bruch mit den natürlichen Gesetzen der natürlichen Evolution, Substitution des genetischen Programms durch ein kulturelles. Die Technik, mag sie zwar wie oben ersichtlich aus der Lebensordnung, und nicht aus der Geschichtsordnung hervorgehen, ,beseelt’ in diesem Sinne dennoch von innen her das historische Bewußtsein und sein supravitales Wesen.
Das Einwirken der Technik auf die Masse-Energie, die lebende Zelle oder das Genom z. B. verleihen dem historischen Bewußtsein des Menschen die Fähigkeit, Lebensprogramme (die natürliche Evolution oder die Laufbahn der Planeten) durch die Entwürfe des menschlichen Willens konkret zu ersetzen. Letzten Endes entscheidet aber das historische Bewußtsein, der Wille des Ego über die Anwendung dieser Technik und über die Nutzung der damit verbundenen Möglichkeiten, die Lebensordnung zu übersteigen. Wie Heidegger es zeigte, sind natürlich die meisten Menschen (die von dem ,Man’ beherrschten ,Standardmenschen’) die Diener der Technik, sind ihren Forderungen unterworfen: Die Technik selbst wird aber von den Persönlichkeiten sozusagen begangen, die mit dem Willen veranlagt sind, das menschliche Ego und das ihm innewohnende ungeheuere Entscheidungsrisiko (die ,Wahl’) einzusetzen. Die Technik ist nicht übermenschlich, sondern dem Übermenschlichen unterworfen.
Die Tradition: einzige Schicksalsförderin
Erkennt man dieses faustische Vermögen zur Behauptung des menschlichen Ego als treibende Kraft der Geschichte an, so begreift man auch, daß der Surhumanismus gegenüber der Zeitlichkeit und ihrem offenbaren Determinismus zu einem Zustand der Freiheit, ja sogar der Befreiung gelangen kann. Dem faustischen und surhumanistischen Bewußtsein erscheint die Vergangenheit nämlich niemals als abgeschafft. Dieser Geschichtsauffassung zufolge ist die Macht der Tradition unzerstörbar. Sie kann jederzeit wiederauftauchen, selbst Jahrhunderte nach ihrem scheinbaren Tod. Gleich dem Gedächtnis, dem Alptraum oder dem bezaubernden Traum, der einen erneut verfolgt, obwohl er sie in Vergessenheit geraten zu sein glaubte, bleibt die Tradition, diese unerschöpfliche Zuflucht, ewig gegenwärtig, ewig gründend, bleibt eine latente Macht mitten im Realen, mitten in der Schwäche der Gegenwart, die vorüber- und vergeht. Darum müssen wir, wie die Wechselfälle des heutigen kranken Europa auch sein mögen, unsere uralten Traditionen, vor allem die stärksten unter ihnen bewahren; diejenigen nämlich, die uns eigentümlich sind und die uns niemand wird entreißen können, z. B. den imperialen Mythos, die griechischen Dichter und Philosophen, die Denkmäler der Literatur und der Architektur, die unsere Vorfahren errichteten, damit sie eines — heute eingetroffenen — Tages als Inspiration, als Zuflucht in einer Zeit der Not fungieren können. Exegi monumentum aere perenius, schrieb Vergil.
Werden wir uns dessen bewußt, daß in diesem 20. Jahrhundert die ‚Progressisten’ und die ,Revolutionäre’, die Anbeter der Gegenwart und zugleich Bestatter der Vergangenheit, die senilste, die kälteste, die am wenigsten abenteuerliche Zivilisation der Geschichte hervorbrachten, die Zivilisation der weltweiten Verspießbürgerlichung und des Rückwärts-Eintritts in die Zukunft!
Trotz ihrer pathologischen technologischen Vibration, trotz ihres fieberhaften Strebens nach Mikroneuerungen schafft diese Zivilisation nichts Historisches. Um zu schaffen, muß man konservativ sein: Wer tatsächlich am Hergebrachten hängt, verfügt nämlich über eine dreidimensionale Anschauung der Zeit, stützt sich auf eine Vergangenheit, auf eine Tradition, die für ihn stets gegenwärtig und lebendig ist und die er nunmehr in die Zukunft projizieren kann. Der Progressist kann nichts gründen und nichts schaffen, da er die Vergangenheit und die Tradition als tot und abgeschafft betrachtet: er stützt sich auf Sand, auf das Trugbild; und dieses Trugbild besteht darin, auf der reinen Gegenwart, d. h. auf dem Vergänglichen selbst, zu bauen.
Der progressistische Revolutionär — ob Marxist, Sozialdemokrat, Utopist der Menschenrechte, Monomane der informatischen Planetisierung (Mac Luhans Mythos des ,globalen Dorfes’) — geht von einem Nullpunkt der Geschichte (‚Jetzt’) aus, ab dem alles möglich ist, wenn man die Erfahrung der Vergangenheit sowie die dort gespeicherten Kräfte außer acht läßt. Von einem solchen Nullpunkt auszugehen heißt, aber sich dazu verurteilen, in die Null auszulaufen, heißt, sich zur Erstarrung der Geschichte verurteilen, wie das Schicksal dieser Welt seit 1945 es zur Genüge zeigt, wo der Status quo, die allgemeine Ernüchterung über den Fortschritt und die Pleite der großen universalistischen Ideale den Hintergrund für die Gleichgültigkeit und die Willenlosigkeit unserer Zeitgenossen abgibt — trotz der Fortschritte einer sinnlos werdenden Technik.
Der Revolutionär-Konservative bleibt in der Geschichte, und seine Tätigkeit bleibt dadurch zukunftsgründend, zukunftsoffen. Der Progressist, der das Ende der Geschichte will und daran glaubt, stimmt dagegen mit dem reaktionären Traditionalisten in der Wahl der Erstarrung überein, da die Vergangenheit für ihn lediglich auch eine Leiche ist, nur eben eine, die man mumifiziert.
Sofern die Modernität des Okzidents sich als Sackgasse herausstellte, werden nur der Vergangenheitsschock, der Rückgriff auf die Vergangenheit, Europa eine abenteuerliche Zukunft schenken — vorausgesetzt, daß diese ,Vergangenheit’ nicht die des Judäo-Christentums und seines Humanitarismus ist, sondern die Reaktivierung jener ,anderen Vergangenheit’ Europas, die Nietzsche als erster voll ins Bewußtsein zu heben versuchte. Im Lichte dieser anderen Vergangenheit (der paganisch-ghibellinischen Vergangenheit, die unsere gesamte Geschichte durchzieht und sogar mitten in den sogenannten ,katholischen’ Institutionen wirkte) muß die moderne Technik überdacht werden. Diese Technik, deren Nonsens heute allen offenkundig ist (weil sie nur von der Ideologie des individualistischen Wohlstands, von dem ,humanitaristischen’ Projekt einer Domestizierung der Gattung angetrieben wird), wird ihren Sinn wiederfinden, wenn sie jener von Nietzsche erkannten Forderung unterworfen wird: jener nach Herrschaft des aufgeklärten Willens-zur-Macht der schöpferischen Persönlichkeiten, die Nietzsche „Aristokratie“ nennt.
Der europäische Neofuturismus
Unter dieser Bedingung wird die europäische Zukunft bestehen und Sinn bekommen: Nur die Konservativen können die Geschichte bewahren und ein Schicksal vorbereiten — nur sie sind demnach ‚Futuristen’. Heraklit meinte nichts anderes in seiner berühmten Fluß-Metapher: um jedesmal in einem anderen Wasser baden zu können (d. h. um dem Schicksalslauf zu folgen und in der Geschichte zu bleiben), ist es notwendig, daß der Fluß (d. h. die Geschichte als Gedächtnis) existiert. Die Utopie, als ,Sehnsucht’ nach einem Schicksal und einer Zukunft, die nur von unserem Willen und unserer Vorstellungskraft abhängen, ist deshalb steril und todbringend, wenn sie nicht mit einem Mythos verbunden ist. Die liberale und marxistische Utopie, die Erde nach dem Modell des Egalitarismus und des Materialismus zu vereinheitlichen, beruht nicht auf einem historischen Mythos, sondern auf einer Illusion, auf der Wahnvorstellung von dem ,Naturzustand’ des Gesellschaftsvertrags. Eine solche Illusion hat mit der historischen Vergangenheit nichts zu tun, da der Naturzustand eine moderne Erfindung ist, die auf eine prähistorische Vergangenheit unstatthafterweise projiziert wird, und der Bezug dieser progressistischen Utopien gerade die Nicht-Geschichte ist.
Die Utopie kann sich dagegen als grundlegend erweisen, sobald sie sich auf einen Mythos stützt, d. h. auf etwas Reales, da der Mythos ein Bericht ist, der in die Geschichte einwächst und für den Fortbestand der Geschichte sorgen soll. In diesem Sinne kann sich die Utopie einer zeitgenössischen konservativen Revolution z. B. auf den europäischen imperialen Mythos (Römisches Kaiserreich, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation usw.) stützen, der eine viel reellere Kraft darstellt als sämtliche futurologischen Projektionen der progressistischen Utopien. Die Ideologien des heutigen Okzidents fallen nämlich durch ihr Unvermögen, die Zukunft zu gründen und das Schicksal zu gestalten, auf: ohne gründende und mobilisierende Mythen (unter dem Vorwand des ,Realismus’...), auf dem Sand einfältiger ,Entwürfe’ der universalistisch-egalitären Lehre, und nicht auf dem festen Boden der Geschichte und der Tradition aufgebaut, haben sie kaum Aussicht auf Verwirklichung und überlassen daher die Ereignisse dem blinden Willen des technomorphen Weltsystems. Diese Ideologien erscheinen irrealistisch in ihrem vorlauten Rationalismus. Sie übersehen das Wiederauftauchen des Religiösen und des Politischen, d. h. des Mythos, wie wir es anläßlich der Ereignisse, die die arabisch-moslemische Welt erschüttern, feststellen konnten. Wir sollten alle diese von falscher Weisheit geprägten Diskurse, die ebenso eine kommunistische Gesellschaft wie einen amerikanisierten, standardisierten Weltmarkt wollen und prophezeien, nicht mehr ernst nehmen: alle diese kalten Prophezeiungen über das baldige Aufkommen eines weltweiten Modells ,globaler Kommunikation’, ,post-industrieller Gesellschaft’, das den jetzigen Zustand Kaliforniens auf den gesamten Planeten ausweiten soll.
Ziehen wir vielmehr die politischen Entwürfe und Utopien in Betracht, die sich auf die Reaktivierung eines historischen Mythos (z. B. das ,Große Arabische Vaterland’) gründen: Dieses Vorgehen erscheint viel umfassender, organischer, realistischer, weil es alle Aspekte des menschlichen, vor allem das Religiöse und das Irrationale, berücksichtigt, und sich nicht damit begnügt, die Zukunft auf der Illusion des mathematischen und wirtschaftlichen Rationalismus aufzubauen. Es ist einfach bedauerlich, daß die Völker der Dritten Welt (Mexiko, arabische Welt, Indien, Afrika) in viel größerem Maße auf solche Mythen zurückgreifen und dadurch konservativer, futuristischer und realistischer sind als wir!
Erst wenn Europa den Sinn für das Heilige und die Schicksalsgemeinschaft wiederentdeckt, wird es sich regenerieren. Wir sind diesbezüglich paradoxerweise besser dran als die Amerikaner und die Sowjetrussen, deren Gesellschaft nur auf einer rationalistischen und materialistischen Hoffnung gründet und jede mythische Spiritualität (d. h. was Geschichte in sich trägt) endgültig aufgegeben hat zugunsten des rein technologischen und mathematischen Aufbaus ihrer Zukunft. Henry James sagte: „Ich muß nach Europa kommen, um den Sinn für das Tragische wiederzuentdecken.“
Und gerade dieses Tragische fehlt dem okzidentalen und optimistischen Modell der USA und der Sowjetunion. Nur das Tragi